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Naturverbundenheit · Bewusstsein · Heilwerden in der Natur · · 5 Min. Lesezeit

Der leere Stuhl

Eine Nacht, ein leerer Stuhl und die Frage, wen wir dieses Jahr vergessen haben.

Ein leerer Holzstuhl neben einem Baumstumpf im Herbstwald mit Blick über ein nebliges Tal im goldenen Licht; darüber der Schriftzug „Der leere Stuhl – Samhain im Wald: über Ahnen, Stille und einen Platz am Tisch“.

Samhain im Wald: über Ahnen, Stille und einen Platz am Tisch. In der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November wird es im Wald still genug, um zu hören, was sonst übertönt wird.

In einem irischen Gedicht, das 1907 in einem Sammelband erschien, sitzt eine Familie in der Nacht vor Allerseelen am Feuer. Draußen ist es kalt. An der Tür steht ein Geist, und niemand bemerkt ihn. Der alte Mann hat vergessen, einen Stuhl hinzustellen. Als er es begreift, ist es zu spät: „I set no chair to welcome you, my dear.”

Ein leerer Stuhl ist ein kleines Bild für ziemlich viel.

Der Wald zieht sich zurück

Im Wald ist jetzt zu sehen, was wir sonst nur ahnen. Die Bäume haben das Laub abgeworfen und ziehen ihre Kraft in die Wurzeln zurück. Unter den Füßen knistert, was im Frühling noch grün war. Es wird still, aber nicht leer.

Nach irischer Überlieferung beginnt zu Samhain die dunkle Jahreshälfte, und die Grenze zur Anderswelt gilt als besonders durchlässig. Ob es ein „keltisches Neujahr” war, ist unter Historikern umstritten. Sicher ist: Aus Samhain, Allerheiligen und Allerseelen ist eine Familie von Festen geworden, in denen es um dasselbe geht, nämlich um die, die vor uns da waren. Bei uns in Franken heißt das Kerzen auf dem Friedhof, volle Gräber, Nebel. Mit Kostümen hat das wenig zu tun.

Der Boden unter uns

Wir stehen auf dem, was vor uns gelebt, ertragen und getan wurde. Auf Liebe, aber auch auf Hunger, Krieg, Schuld und dem Schweigen am Küchentisch. Das gilt nicht nur im Herbst, aber im Herbst ist es schwerer zu übersehen.

Wenn ich in dieser Zeit von Ahnen spreche, meine ich beide Seiten. Die Großmutter, die Geborgenheit mitgegeben hat, und den, der Schlimmes erlitten oder angerichtet hat und dessen Folgen bis heute durch Familien laufen. Auf beide können wir bauen. Es lohnt sich, hinzusehen, worauf.

Das hat für mich mit Horror zu tun, nur anders, als viele ihn feiern. Früher habe ich Horrorfilme gern gesehen, heute kaum noch. Der alltägliche Horror und die Grausamkeit in dieser Welt sind schlimm genug, ich brauche sie nicht auch als Unterhaltung. Mir geht es zu Samhain nicht um Gänsehaut, sondern um den Blick auf das, was weh tut.

Was Nähe bedeutet

Wie fühlt sich Nähe an, wenn jemand da ist, der nicht mehr da ist? Ich kann es nicht beweisen. Aber ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn geliebte Menschen nicht mehr da sind. Meine Eltern sind gestorben. Meine Frau, von der ich geschieden bin, ist es auf andere Art. Weg ist weg, und die Leere ist trotzdem verschieden.

Was in solchen Zeiten geholfen hat, war selten ein kluger Satz. Es war ein Mensch, der einfach zuhört. Der meine Ängste, Sorgen und Nöte ernst nimmt, ohne sie kleinzureden oder gleich zu reparieren. Oder einer, der mich in den Arm nimmt, damit ich spüre, dass ich nicht allein bin.

Mehr braucht es oft nicht. Und wenn ich in dieser Nacht an die denke, die vor mir waren, wünsche ich mir für sie dasselbe: dass jemand zuhört. Dass jemand hinschaut, was sie getragen haben und woran sie zerbrochen sind.

Das ist der Stuhl.

Mein Vertrauen

Ich bin Optimist. Ich vertraue darauf, dass am Ende alles gut wird und Sinn ergibt, und ich glaube, dass meine Seele nicht zerstört werden kann. Das ist mein Glaube und keine Antwort auf das Leid anderer. Mir hat er geholfen, die Angst loszulassen. Wer gerade mitten im Schweren steckt, braucht keinen Optimisten, der erklärt, dass alles gut wird. Er braucht jemanden, der den Stuhl hinstellt.

Ich hoffe, dass der Kreislauf des Leids irgendwann durchbrochen wird, in meiner Familie wie darüber hinaus. Dass aus Weitergegebenem Verstandenes wird, aus Verstandenem Verziehenes, und dass wir uns auf dem Weg zu einer Einheit befinden, in der alles heil ist. Wie lange das dauert, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es irgendwo anfangen muss, und eine Nacht, in der es still wird, ist kein schlechter Anfang. Vielleicht beginnt es nicht mit einer großen Geste, sondern damit, dass einer den anderen aushält, ernst nimmt und nicht allein lässt, auch über Generationen hinweg.

Vier Übungen für den Wald, einen Stein oder den Küchentisch

Lauschen. Setz dich schweigend auf einen Baumstamm oder Stein. Augen zu. Hör auf den Wind, das Knistern, die Dämmerung. Mehr nicht.

Sammeln. Nimm vom Waldboden ein paar kleine Zeichen des Herbstes mit, einen Zapfen, einen Zweig, einen Stein. In Naturschutzgebieten bleibt alles liegen. Zu Hause bekommen sie einen Platz.

Platz freihalten. Leg einen Stein auf einen Baumstumpf oder stell zu Hause einen Stuhl an den Tisch. Frag still: Wen habe ich dieses Jahr vergessen? Und wen hätte ich lieber nicht am Tisch? Stell dir vor, du hörst dem zu, der dort sitzt. Was würde er erzählen? Du musst nichts beantworten.

Loslassen. Nimm ein trockenes Blatt für etwas, das du abschließen willst, und leg es auf die Erde oder vergrab es. Offenes Feuer im Wald ist in Deutschland verboten, und es braucht auch keins.

Der Stuhl bleibt

Ich weiß nicht, wer heute Nacht kommt, und ich muss es nicht wissen. Aber ich stelle den Stuhl hin, für die Leichten und für die Schweren. Es ist genug Platz.

Quellen

Zum Anhören: „Of Welt Am Draht“ (Moritz Von Oswald The One version) von Pantha Du Prince.

Pantha Du Prince – Of Welt Am Draht (Moritz Von Oswald The One version)

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