Sylviotherapie · Bewusstsein · · 6 Min. Lesezeit
Der Wald hat kein Money Mindset
Eine Coachin rechnet mit Money Mindset und Sichtbarkeitszwang ab. Ich teile viel von ihrer Wut, setze an ein paar Stellen den Bleistift an und frage mich, was der Wald dazu sagt. Nix. Genau das gefällt mir.

Ein wütender Text über Coaches, die ihren Kontostand für ein Zeugnis ihrer Seele halten, ist mir neulich in den Feed gefallen. Ich habe ihn zweimal gelesen. Beim ersten Mal habe ich genickt, beim zweiten Mal einen Bleistift gebraucht.
Geschrieben hat ihn eine Coachin, die die Szene von innen kennt. Es geht um Bilder, die jeder kennt, der sich ein weng im Netz herumtreibt: Sektglas auf dem Boot, Probefahrt im Sportwagen, strahlendes Lächeln. Dazu die Botschaft, dass der Kontostand beweist, wie „ausgerichtet“ jemand ist.
Wer dann noch kämpft, wer nur ein vierstelliges Konto hat, dem wird erklärt, er habe sein Mangelbewusstsein nicht aufgelöst. Selbst schuld. Die Autorin nennt das, mit Verlaub, Bullshit. Ich bin ein bisschen höflicher erzogen. In der Sache bin ich bei ihr.
Bassd scho
In Franken lautet das höchste Lob „Bassd scho“. Mehr Begeisterung ist hier nicht vorgesehen. Wer bei uns am Stammtisch erzählt, er sei „in der Fülle“, wird gefragt, ob er zu viel Schäufele gegessen hat.
Ich mag diese Nüchternheit. Sie schützt ein wenig vor Hochglanz. Früher stand der Benz in der Garage als Beweis für den Fleiß. Heute steht der Monatsumsatz im Reel als Beweis für den Bewusstseinszustand.
Das Prinzip ist dasselbe geblieben, nur die Begriffe sind neu.
Statt Chromfelgen gibt es jetzt Lichtcodes.
Neu ist auch der Gedanke dahinter nicht. Der Psychologe Melvin Lerner hat schon vor Jahrzehnten beschrieben, wie gern Menschen an eine gerechte Welt glauben, in der jeder bekommt, was er verdient. Das beruhigt, weil es heißt, dass einem selbst nichts passieren kann, solange man alles richtig macht. Die Kehrseite: Wer arm ist, hat irgendetwas falsch gemacht. Die Mindset-Szene hat diesem alten Denkfehler eine spirituelle Begründung verpasst. Freundlicher wird er dadurch nicht.
Wer kein Geld hat, hat dann zwei Probleme: das leere Konto und die Schuld dafür.
Wo ich nicke
Die stärkste Stelle im Text ist für mich nicht die über die Rolex, sondern die über das Teilen. Die Autorin unterscheidet zwischen dem, was man aus dem Herzen weitergibt, wenn etwas gereift ist, und dem Druck, aus jedem Schmerz sofort Content zu machen, „bevor die Erfahrung in uns überhaupt landen durfte“. Das ist fein beobachtet.
Für das, was dahintersteckt, gibt es einen Begriff. Der Psychologe und Buddhist John Welwood hat in den Achtzigern von spiritual bypassing gesprochen: Spiritualität als Umgehungsstraße, um menschliche Bedürfnisse und Gefühle zu vermeiden oder vorschnell zu überspringen. Die Dauer-High-Vibes, die im Text so herrlich auseinandergenommen werden, sind genau das. Bloß nicht zweifeln, bloß nicht trauern, sonst sinkt die Schwingung.
Ich übe buddhistische Achtsamkeit, seit ich achtzehn bin. Auf dem Sitzkissen gibt es keine High Vibes. Da sitzt man mit dem, was kommt, und meistens ist das der Einkaufszettel. Manchmal auch eine alte Traurigkeit.
Man lernt dort nicht, sich gut zu fühlen. Man lernt, dazubleiben.
Wo ich den Bleistift brauche
Ein paar Stellen kratzen trotzdem, und ich schreibe sie auf, weil ein Text über Ehrlichkeit Widerspruch vertragen sollte.
Die Autorin schreibt, neunzig Prozent dieser Coaches seien heimlich depressiv und pleite. Das lässt sich so nicht belegen. Zu ihr kommen naturgemäß die, bei denen es nicht läuft. Die anderen sieht sie in ihrer Praxis nicht. Würde ich aus den Menschen, die mit mir in den Wald gehen, auf alle anderen schließen, wäre halb Nürnberg erschöpft. Möglich wäre es. Wissen kann ich es nicht.
Dann ist da die „blinde Gesellschaft“, deren Bewusstseinsgrad sich an Alien-Implantaten zeige. Hier schnappt die Falle zu, die der Text selbst beschreibt. Wer anderen vorwirft, sich spirituell über andere zu erheben, sollte die Leiter nicht gleich selbst hinaufsteigen. Ich erwische mich auch dabei.
Es ist erstaunlich bequem da oben.
Und der Schluss: Freiheit sei der Moment, in dem die Gedanken aufhören, ums Geld zu kreisen. Der Satz ist schön, und ich verstehe, wie er gemeint ist. Nur kreisen die Gedanken bei jemandem, der im Bürgergeld die Nachzahlung für den Strom nicht stemmen kann, nicht wegen einer falschen Haltung ums Geld.
Das ist kein Mangelbewusstsein. Das ist Mathematik.
Gerade diese Menschen nimmt die Autorin vorher zu Recht gegen die Szene in Schutz. Am Ende rutscht sie selbst ein Stück in deren Logik: Ein Problem auf dem Konto wird zu einer Frage der inneren Haltung.
Und meine eigene Nase
Bevor ich mich zu weit aus dem Fenster lehne: Ich verkaufe auch etwas. Waldzeiten, Begleitung, vielleicht demnächst auch mehr. In meinem Marketingplan stehen Reels, mehrere pro Woche, wenn es nach dem Plan geht. Mit Gesicht, im Wald, in dreißig Sekunden. Ich bin also nicht der Mann am Waldrand, der den anderen beim Hampeln zuschaut.
Ich habe mir für mich zwei Regeln gegeben. Erstens sage ich dazu, dass man für den Wald eigentlich niemanden braucht. Man kann einfach losgehen. Zweitens verspreche ich keine Heilung, keine Fülle und keine Transformation, sondern höchstens einen Moment, in dem der Kopf klar wird. Ob das reicht, um nicht in derselben Rolle zu landen, müssen andere beurteilen.
Ein Reel, das keiner anschaut, ändert am Wald gar nix. An mir hoffentlich auch nicht.
Liegen bleiben
Das stärkste Bild im Text ist für mich ein Satz gegen die Durchhalteparolen: „Bleib doch einfach mal liegen.“ Nicht Krone richten und weiter, sondern unten bleiben und hinschauen.
Im Oktober führt der Wald das gerade vor. Die Buchen werfen ihr Laub ab, ohne vorher einen Launch zu planen. Und wer einen umgestürzten Stamm sieht, schaut auf alles andere als ein Scheitern. Totholz ist Lebensraum. Pilze, Flechten, Käfer und Spechte leben davon, viele seltene Arten sind ganz darauf spezialisiert. Ein liegender Baum ist im Wald einer der beliebtesten Orte überhaupt.
Ein Vorbehalt gehört dazu, weil ich den Satz auch anders lesen kann: Liegen bleiben heißt eine Weile und nicht allein. Wer merkt, dass er gar nicht mehr hochkommt, braucht mehr als einen Spaziergang. Der Wald ersetzt keine Therapie, auch wenn meine Seite Sylviotherapie heißt.
Was der Wald misst
Der Wald misst nix. Keinen Kontostand, keine Reichweite, kein Schwingungsniveau. Die Buche, unter der ich stehe, weiß nicht, ob ich angestellt bin, selbstständig, Bäckereifachverkäufer oder Rentner. Es ist ihr wurscht. Das ist keine Gleichgültigkeit. Es ist die freundlichste Form von Gleichbehandlung, die ich kenne.
Die Autorin zitiert dazu Jim Carrey, und das Zitat ist echt. 2005 sagte er dem Ottawa Citizen: „I think everybody should get rich and famous and everything they ever dreamed of so they can see that that’s not the answer.“ Jeder sollte reich und berühmt werden und alles bekommen, wovon er je geträumt hat, damit er sieht, dass das nicht die Antwort ist. Das sagt einer, der beides hatte und trotzdem offen über seine Depressionen gesprochen hat. Ich bin froh, dass ich den Umweg über Hollywood nicht brauche. Ein Nachmittag im Reichswald ist deutlich günstiger.
In diesem Punkt hat die Autorin ohne Abstriche recht: Der Wert eines Menschen lässt sich an keiner Zahl ablesen. Im Wald muss man das nicht glauben. Man kann es zwei Stunden lang ausprobieren. Niemand will dort etwas von einem, und nach einer Weile merkt man, dass man selbst auch nichts beweisen muss.
Für einen Nachmittag im Wald reicht mir das fränkische Maximum an Fülle:
Bassdscho.
Quellen
- Melvin J. Lerner, The Belief in a Just World: A Fundamental Delusion, Plenum Press 1980.
- John Welwood, Toward a Psychology of Awakening, Shambhala 2000 (Begriff „spiritual bypassing“ seit 1984).
- Burkhard Herzig, Der Baum ist tot, es lebe der Wald, Wald und Holz NRW, waldwissen.net, 2017.
- Jim Carrey im Gespräch mit Jay Stone, The Ottawa Citizen, 16.12.2005 (nachgewiesen von Quote Investigator).
Dazu fällt mir der Song von Janis ein:
Joplin hat den Song am 1. Oktober 1970 in einem einzigen Take aufgenommen, a cappella, nur mit ihrer Stimme und einem Fuß, der den Takt klopft. Drei Tage später war sie tot. Das ist die Gegenthese zum Hochglanz: eine Stimme, kein Glitzer, nichts Inszeniertes. Wie bei Jim Carrey singt hier jemand, der Ruhm hatte und wusste, dass er nicht reicht.
Eine Ironie der Geschichte gibt es noch dazu: Mercedes hat den Song später für Werbung verwendet. Michael McClure, auf dessen Gedicht der Text zurückgeht, wollte diesen Spot nach eigenen Worten nicht ansehen. Die Kritik am Bling ist also selbst zu Bling geworden.
Janis Joplin – Mercedes Benz (Official Audio)

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