Bewusstsein · Sylviotherapie · Naturverbundenheit · · 6 Min. Lesezeit
Der Zunderschwamm braucht keine Botschaft
Neulich bin ich über zwei Texte zum Zunderschwamm gestolpert. Darin war er Hüter des Waldes, Pilz des Feuers, Heiler der Seele und Lehrer der Transformation, alles auf einmal. Beim Lesen hab ich gemerkt: Je feierlicher es klang, desto weniger hatte es mit dem Pilz zu tun, den ich vom Wald kenne.

Als Kind war ich oft mit Großeltern und Eltern im Reichswald beim Pilzesammeln. Bei jedem Fund gab es genau eine Frage: Kann man den essen? Beim Zunderschwamm lautet die Antwort nein. Giftig ist er nicht, aber zäh wie eine Schuhsohle und bitter. Für den Korb also uninteressant. Dass in diesem grauen Hufeisen am Baum eine der ältesten Geschichten der Menschheit steckt, habe ich erst viel später verstanden.
Wer er wirklich ist
Der Zunderschwamm, Fomes fomentarius, ist kein Hüter. Er ist ein Schwächeparasit. Er dringt über Wunden in Äste und Stämme ein, bei uns vor allem in Rotbuchen, daneben in Birken und Pappeln. Im Kernholz löst er das Lignin auf, Förster nennen das Weißfäule. Irgendwann bricht der Baum, oft in mehreren Metern Höhe. Ist der Baum tot, frisst der Pilz einfach weiter, jetzt als Zersetzer.
Eine Symbiose, wie in einem der Texte steht, ist das nicht. Von einer Symbiose haben beide Partner etwas. Pech ist es für die Buche aber auch nicht, eher Verwandlung. Der Zunderschwamm ist so etwas wie das Bestattungsinstitut des Waldes, mit angeschlossenem Recyclinghof. Er klopft manchmal ein bisschen früh an, aber er sorgt dafür, dass vom Baum nichts verloren geht.
Er ist nicht der Hüter des Baumes. Er ist sein Bestatter. Und genau dafür braucht ihn der Wald.
Denn aus dem morschen Holz wird ein Wohnhaus. In den Fruchtkörpern selbst haben norwegische Forscher 35 Käferarten gefunden, darunter den Schwarzen Zunderschwammkäfer, der praktisch nur in diesem Pilz lebt. Spechte zimmern Höhlen ins weiche Holz, und am Ende wird aus dem Stamm Waldboden. Das ist der Kreislauf, den die spirituellen Texte so gern beschwören. Er funktioniert nur ohne Weichzeichner.
Auch die Sache mit der Unzerstörbarkeit stimmt nur halb. Eine Konsole kann bis zu 30 Jahre alt werden und legt dabei Schicht um Schicht zu, oft zweimal im Jahr. Daher lässt sich ihr Alter nicht wie bei einem Baum an Ringen abzählen. Aber zerstörbar ist sie sehr wohl: Ihre Gäste fressen sie von innen auf.
Feuer seit der Steinzeit
Den Namen hat er sich ehrlich verdient. Zwischen der harten Kruste und den Röhren liegt eine filzige Schicht, die Trama. Eingeweicht, gekocht, weich geklopft und getrocknet wird daraus ein rehbrauner Lappen, der beim ersten Funken glimmt. Mit Salpeter oder, weniger appetitlich, mit Urin und Holzasche behandelt, glimmt er noch besser.
Ötzi hatte vor über 5000 Jahren ein Stück davon in seiner Gürteltasche, zusammen mit Spuren von Pyrit, also seinem Feuerzeug. Funde aus Steinzeitsiedlungen reichen noch Jahrtausende weiter zurück. Und noch im 19. Jahrhundert war der Bedarf so groß, dass man Pilze importieren musste. In Neustadt am Rennsteig wurden 1842 sage und schreibe 21,5 Tonnen verarbeitet.
Dazu kamen Westen und Kappen aus Pilzleder, ein Handwerk, das heute nur noch wenige Familien in Rumänien beherrschen. Und im Bayerischen Wald jagten Kinder abgeschlagene Konsolen als Ball übers Feld. Das Spiel hieß „Huadersautreiben".
Von Verehrung lese ich in diesen Quellen nichts. Man hat ihn benutzt, gesammelt, gehandelt und als Fußball zweckentfremdet. Ich finde, das ist mehr Ehre, als ihm jeder Weihrauch-Text antun kann.
Was ich nicht unterschreibe
Ein paar Behauptungen aus den Texten will ich nicht einfach stehen lassen, weil sie mir zu bequem sind.
Der Heilpilz. Teilweise stimmt das, und zwar historisch. Hippokrates beschrieb einen Pilz zur Wundversorgung, und bis ins 19. Jahrhundert verkauften Apotheken den Zunder als „Fungus chirurgorum“, als blutstillende Wundauflage. Das war Verbandsmaterial und funktionierte vor allem mechanisch. Für „stärkt das Immunsystem” und „entzündungshemmend" gibt es Laborversuche und Untersuchungen der Inhaltsstoffe, Beta-Glucane etwa. Belastbare Studien am Menschen kenne ich keine. Wer daraus einen Tee braut, macht das auf eigene Rechnung.
Übrigens trug Ötzi auch zwei Stücke Birkenporling an Lederbändern bei sich. Diese Stücke werden als mögliche Arznei gedeutet. Der Zunderschwamm in der Tasche war fürs Feuer. In vielen Texten verschmelzen beide Pilze zu einem Wunderschwamm.
Heiler der Seele. Hier passiert ein Sprung, den ich bei spirituellen Texten oft sehe. Ein Stoff wirkt vielleicht irgendwie auf den Körper, also heilt der Pilz auch die Seele. Das ist keine Logik, das ist ein Reim. Ich begleite Menschen im Wald und verspreche dabei keine Heilung. Einem Pilz würde ich das auch nicht durchgehen lassen.
Räuchern für Schutz und Erdung. Glimmender Zunder raucht und riecht erdig, das stimmt. Ob er schützt oder erdet, ist eine Zuschreibung, die jeder für sich treffen kann. Rauch in der Lunge bleibt trotzdem Rauch.
Hart und zugleich flexibel. Einer der Texte will beides: den unzerstörbaren Fels in der Brandung und den, der sich geschmeidig dem Fluss hingibt. Ein Symbol, das alles bedeutet, bedeutet am Ende gar nix mehr.
Ich kann nachvollziehen, warum solche Texte entstehen. Ein Pilz, der Feuer bringt, schreit förmlich nach Metaphern. Nur wird die Natur dabei zur Requisite. Der echte Pilz verschwindet hinter dem, was wir in ihn hineinlegen.
Was er mir trotzdem zeigt
Zuschreibungen braucht er keine, Aufmerksamkeit schon eher. Ich übe seit meinem 18. Lebensjahr buddhistische Achtsamkeit, und in vielen Jahren schamanischer Praxis habe ich gelernt, den Wald erst einmal zu grüßen, bevor ich etwas von ihm will. Beim Zunderschwamm läuft beides auf dasselbe hinaus: hinschauen, was er tut, und das wertschätzen.
Nehmen wir den Zunder. Ein Funke allein macht kein Feuer. Er braucht etwas, das vorbereitet ist: gekocht, geklopft, getrocknet. Das kenne ich vom Sitzkissen. Die Einsicht kommt selten auf Bestellung. Und wenn sie kommt, fängt sie nur dort Feuer, wo vorher lange und unspektakulär geübt wurde.
Oder die Buche. Wenn sie stirbt, ist das kein Unfall im System. Es ist das System. Der Pilz nimmt, was sie über Jahrzehnte aus Licht, Wasser und Luft aufgebaut hat, und gibt es weiter: an die Käfer, an den Specht, an den Boden, aus dem die nächste Buche wächst. Der vietnamesische Zen-Lehrer Thich Nhat Hanh hatte dafür ein schönes Wort: Intersein. Nichts existiert für sich allein. Die Buche steckt im Zunderschwamm, der Zunderschwamm im Käfer, der Käfer im Specht. Und ich stecke auch irgendwo mit drin, spätestens mit jedem Atemzug Waldluft.
Im Wald hat alles seinen Platz. Auch der Pilz, der Bäume fällt.
Eine kleine Übung für den nächsten Waldgang
Such dir eine Buche mit Zunderschwamm. Im Herbst und Winter sieht man die grauen Konsolen schon von Weitem. Bleib ein paar Minuten davor stehen und frag nicht, was er dir sagen will. Schau einfach, was da ist: die Bänderung der Kruste, die kleinen Bohrlöcher, vielleicht ein Käfer, vielleicht Spechtspuren am Stamm. Leg die Hand auf die Konsole, wenn du magst. Sie ist kühler und härter, als man denkt.
Dann denk einen Moment an alles, was an diesem einen Stamm hängt. Das Licht von vielen Sommern. Die Käfer, die hier aufwachsen. Der Boden unter deinen Füßen, der zum Teil einmal genau so ein Baum war.
Wenn dir danach ist, sag Danke. Laut oder leise, zum Baum, zum Pilz, zum ganzen Wald. Dafür braucht es kein Ritual mit Regeln, nur ein bisschen Haltung. Wer sich bedankt, schaut anders hin. Und wer anders hinschaut, schlägt den Pilz nicht einfach ab. Stehendes und liegendes Totholz mit Zunderschwamm ist Lebensraum. In Schutzgebieten ist das Sammeln ohnehin tabu, und auch sonst reicht ein Foto.
Der Zunderschwamm braucht keine Botschaft. Er macht seit Jahrtausenden still seine Arbeit, damit aus dem Alten wieder Wald wird.
Wer ihm mit offenen Augen und ein wenig Dankbarkeit begegnet, sieht einen Kreislauf, in dem jeder seinen Platz hat. Wir auch.
Quellen
Wikipedia, „Zunderschwamm" (abgerufen 14.10.2026), dort u. a. zu Lebensweise, Alter der Fruchtkörper, Zunderherstellung, Neustadt am Rennsteig, Huadersautreiben, Käferfauna und Inhaltsstoffen.
Ursula Peintner, Reinhold Pöder, Thomas Pümpel: „The iceman’s fungi", Mycological Research 102 (10), 1998, S. 1153–1162.
Dazu passt für mich „Just Another Day“ von Brian Eno. Noch ein Tag, an dem der Wald still seine Arbeit macht. Das verlinkte Zeitraffer-Video begleitet den Wechsel der Jahreszeiten – ohne dem Pilz eine Botschaft aufzudrücken.
Brian Eno – Just Another Day

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