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Bewusstsein · Naturverbundenheit · · 8 Min. Lesezeit

Wo der Jaguar lauert

Ein Lied mit portugiesischem Titel, ein Raubtier, das erst ganz am Ende auftaucht, und ein Ich, das am Wasser steht und trinkt. Über Demut, Spiegel und die Frage, wer hier wen anschaut.

Mann steht im Morgenlicht am Ufer eines nebligen Weihers im Reichswald, Kiefern spiegeln sich im Wasser

Neulich hat mich ein Lied nicht losgelassen. Es heißt „Onde o Jaguar Espreita", auf Deutsch „Wo der Jaguar lauert". Geschrieben und gesungen hat es Advan Haschi (zusammen mit Breno Stimpel), es stammt vom Album „Visionário Vegetal" und erschien 2020. Mich hat der Remix von Quao erreicht. Den Text gebe ich hier nicht wieder, den soll man sich selbst anhören. Erzählen kann ich aber, was mir daran aufgefallen ist.

Der Refrain

Der Jaguar kommt spät. Erst im Refrain taucht er auf, und zwar dort, wo das Ich Wasser trinkt. Dort lauert er. Das Ich sieht ihn und nennt sich im selben Moment selbst einen Jäger. Und es betrachtet, so sagt es, in diesem Augenblick, wer es ist.

Das ist ein ziemlich genaues Bild. Einer trinkt, ist also gerade verwundbar. Das Wasser hält ihn am Leben, und genau dort wartet die Gefahr. Ein anderer lauert. Und der Erzähler weiß beides: dass er beobachtet wird und dass er selbst einer ist, der beobachtet.

Beobachter und Beobachteter stecken in einer Haut.

Klein, aber unterwegs

In den Strophen davor ist das Ich ein kleines Boot im Meer, ein Blatt im Wind. Das klingt nach Jammern, ist aber keins. Es ist eher Augenmaß: Ich bin nicht der Ozean. Und trotzdem nennt sich dasselbe Ich Navigator, Suchender, Jäger. Ein Blatt, das weiß, wohin es will, auch wenn es der Wind ist, der es dorthin trägt.

In Franken würde man sagen: A weng klein, aber mir fahrn. Mir gefällt diese Haltung. Demut ohne Fußabtreter.

Dahinter steckt auch Sterblichkeit, obwohl das Lied sie nirgends ausbuchstabiert. Die spanische Einleitung spricht vom Dienst am Tod und von Wegen durch die Unterwelt. In den Strophen nennt sich das Ich einen Hauch, das Leben eines Träumers. Wer so von sich redet, weiß, dass seine Zeit begrenzt ist. Das ist meine Lesart, erzählt wird es nicht.

Klein sein und trotzdem unterwegs sein. Beides gleichzeitig.

Was ich über den Jaguar weiß, und was ich nur erzählt bekomme

Zuerst das Tierische, weil es oft zu kurz kommt. Der Jaguar ist ein Lauerjäger. Er schleicht auf Waldpfaden, horcht, wartet und greift dann aus der Deckung an, meist von hinten. Und er hat tatsächlich mit Wasser zu tun: Jaguare sind gute Schwimmer und jagen am und im Wasser. Im brasilianischen Pantanal fressen sie vor allem Wasserreptilien und Fische. Das Lied liegt biologisch also richtig. Wer am Ufer trinkt, ist im Revier des Jaguars.

Dann kommen die Geschichten. In der Bildwelt der Maya hängt der Jaguar eng mit Nacht und Unterwelt zusammen, es gibt einen „Jaguargott der Unterwelt". Manche Forscher deuten ihn als Sonne auf ihrer nächtlichen Reise unter der Erde. Andere zweifeln das an. Warum der Jaguar gerade dort steht, ist eher Deutung als Gewissheit. Naheliegend ist der Gedanke an die Nacht: Der Jaguar ist überwiegend nacht- und dämmerungsaktiv, wobei es regionale Unterschiede gibt. Im Pantanal und im Amazonas sind viele Tiere auch tagsüber unterwegs. Oft liest man, die Maya hätten ihn deshalb der Nacht und der Unterwelt zugeordnet, und er könne so zwischen den Welten wandern. Das steht so vor allem auf Reiseseiten. Ob es wirklich so gedacht war, konnte ich nirgends belegt finden. Es ist eine schöne Erzählung, mehr nicht.

Besser belegt ist, dass Ethnologen die Verbindung von Jaguar und Heiler beschrieben haben. Der österreichisch-kolumbianische Ethnologe Gerardo Reichel-Dolmatoff veröffentlichte 1975 sein Buch „The Shaman and the Jaguar", über die Tukano im kolumbianischen Amazonasgebiet. Der Titel sagt schon, worum es geht.

Von den Maya oder den Tukano ist im Lied keine Rede. Die Unterwelt dagegen kommt vor, gleich in der spanischen Einleitung, zusammen mit dem Tod und dem Unbewussten. Die Geschichten erklären nur, warum das Bild so trägt. Das muss man auseinanderhalten, sonst wird aus einem schönen Lied schnell ein Räucherstäbchen.

Wer hier wen anschaut

Im Reichswald lauert kein Jaguar. Höchstens eine Zecke. Wasserstellen gibt es aber genug, Weiher, Bäche, die Pegnitz. Und wer je ein Reh beim Trinken beobachtet hat, kennt das Bild aus dem Lied. Es trinkt nicht in einem Zug. Kopf runter, Kopf hoch, Ohren auf Empfang. Für das Reh ist das Alltag, kein Drama.

Wir trinken meistens mit dem Handy in der Hand.

Das Lied dreht die Sache um. Der wilde Wald zeigt dem Ich, wer es ist. Natur ist hier keine Kulisse, sondern ein Gegenüber, das zurückschaut. Das deckt sich mit dem, was ich im Wald immer wieder erlebe, wenn ich Menschen begleite: Sobald jemand stehen bleibt, ist er nicht mehr der Zuschauer. Er ist mittendrin.

Das Loslassen, das ich hineinlese

Ehrlich gesagt: Von Ego und Kontrolle steht im Text kein Wort. Die Einleitung, noch vor den Strophen, gehört einer Stimme, die fragt, wer du bist, wer deine Träume träumt und ob du atmen kannst. Dann fordert sie auf, das Herz zu öffnen und den Klang der Seele schwingen zu lassen.

Das Loslassen lese ich hinein. Das ist meine Lesart, nicht die des Liedes. Ich glaube trotzdem, dass es drinsteckt. Wer nur noch atmet und beobachtet, hält nichts fest. Man kann nicht gleichzeitig am Wasser trinken, auf den Jaguar achten und die Welt verwalten.

Eine kleine Übung für den nächsten Waldgang

Such dir eine Stelle am Wasser. Ein Weiher, ein Bach, eine Pfütze tut es auch. Setz dich zehn Minuten hin, ohne Handy in der Hand.

Schau zuerst als einer, der trinkt. Was ist hinter mir? Was höre ich, ohne hinzusehen? Wechsle dann die Seite und schau als einer, der beobachtet. Was bewegt sich? Was bleibt ruhig?

Wenn dir die Frage aus dem Lied einfällt, ob du atmen kannst: Bemerke es einfach. Du musst nichts anderes machen. Einmal bemerken reicht.

Versprechen kann ich dir davon nichts. Aber manchmal wird der Kopf dabei ein Stück klarer.

Im Reichswald lauert kein Jaguar. Man fragt sich am Wasser trotzdem, wer man eigentlich ist. Das Wasser spiegelt, und mehr braucht es dafür nicht.

Zum Anhören: „Onde o Jaguar Espreita" von Advan Haschi, auf dem Kanal des Künstlers.

Advan Haschi – Onde o Jaguar Espreita

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Und der Remix von Quao, über den mich das Lied erreicht hat.

Onde o Jaguar Espreita (Quao Remix)

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Quellen

Wikipedia, „Jaguar" und „Maya jaguar gods" (abgerufen 25.10.2026), dort zu Jagdweise, Schwimmverhalten, Aktivitätszeiten, Pantanal und Jaguargott der Unterwelt.

G. Reichel-Dolmatoff: „The Shaman and the Jaguar. A Study of Narcotic Drugs Among the Indians of Colombia", Temple University Press, 1975.

Songangaben nach YouTube (Advan Haschi, „Onde o Jaguar Espreita", Album „Visionário Vegetal", Rec'n'Play, 2020; Remix von Quao, Label Mata Tropical, 2022) sowie nach dem Liedtext.

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