Bewusstsein · Naturverbundenheit · · 7 Min. Lesezeit
Komorebi – Ein Pilz im Scheinwerferlicht
Ein Wort, das es im Deutschen nicht gibt, ein Maronen-Röhrling im Scheinwerferlicht und die Frage, was passiert, wenn man nicht sucht.

Die Japaner haben ein Wort für das Licht, das durch Blätter fällt. Ich hatte im Reichswald einen Maronen-Röhrling dazu, der sich partout nicht übersehen ließ.
Am 4. Oktober war ich gegen vier Uhr nachmittags im Reichswald unterwegs. Die Sonne stand schon tief und schickte ihr Licht schräg zwischen die Stämme. Ich hatte Messer und Jutebeutel dabei, wie jeder, der im Herbst in den Reichswald geht. Gesucht habe ich nichts. Ganz ehrlich: Im Hinterkopf waren die Pilze schon, so wie man in einer Bäckerei auch nicht gar nichts will.
Dann fiel ein Sonnenstrahl auf den Waldboden, und zwar nicht irgendwohin. Er traf einen Maronen-Röhrling. Der stand da wie von einem Beleuchter eingerichtet: frisch, knackig, ein Pilz wie aus dem Bilderbuch und ziemlich vorwitzig. Rundherum Halbschatten, und mittendrin dieses Ding, das aussah wie eine Leuchtreklame mit dem Text „Hier bin ich, für dich.“
Ich habe ein Foto gemacht, das Messer geholt und ihn abgeschnitten. Keine Suche, kein Kniefall im Laub, kein Plan. Der erste Pilz des Tages, und er hat mir die Arbeit abgenommen.
Auf dem Foto sieht das Licht übrigens harmloser aus als in meiner Erinnerung. Erinnerungen übertreiben gern, das Foto ist der ehrlichere Zeuge. Dass der Pilz im Licht saß, steht trotzdem außer Streit.
Ein Wort, das wir nicht haben
Im Japanischen heißt das, was da passiert ist, komorebi (木漏れ日). Drei Schriftzeichen: Baum, durchsickern, Sonne. Das Licht sickert durch die Bäume wie Wasser durch ein Sieb.
Gern liest man, das Wort sei unübersetzbar. Das stimmt nur halb. Übersetzen lässt es sich schon: Sonnenlicht, das durch Blätter fällt. Uns fehlt nur das eine Wort dafür. Im Englischen kommt „dappled sunlight“ am nächsten, aber da kommen die Blätter nicht vor. Im Deutschen behelfen wir uns mit Umschreibungen.
Beim Nachschlagen habe ich noch ein paar Kleinigkeiten gefunden. Komorebi ist kein Jahreszeitenwort, wie sie im Haiku üblich sind, es gibt das Licht zu jeder Jahreszeit. Dichter schreiben es manchmal mit einem altmodischen Zeichen, das aus der Schulliste gefallen ist. Und es gibt ein Verwandtes, hamorebi, für Licht, das eher durchs Laub fällt als durch die Äste. Für Mondlicht durch Äste gibt es kein Wort.
Ein Lichtfleck wandert, sobald sich ein Blatt bewegt oder die Sonne weiterzieht. Er kommt so nicht wieder.
Warum die Flecken rund sind
Jetzt kommt der Teil, den ich am schönsten finde. Jede kleine Lücke im Laub wirkt wie eine Lochkamera. Sie wirft ein umgekehrtes Bild der Sonne auf den Boden. Deshalb sind die Flecken rund, auch wenn die Lücke eckig ist. Es sind lauter kleine Sonnen.
Bei einer teilweisen Sonnenfinsternis werden daraus Sicheln, weil die Sonne selbst gerade angebissen ist. Das kann man unter jedem Baum sehen. Wer das einmal gesehen hat, schaut nie wieder gleich in eine Baumkrone. (Direkt in die Sonne schauen gilt dabei natürlich nicht.)
Für das, was ich im Reichswald gesehen habe, brauche ich kein „magisch“. Der Pilz stand in einem Bild der Sonne. Das reicht mir.
Wem das Licht gehört
Für uns ist so ein Fleck Stimmung. Für die Pflanzen am Waldboden ist er Essen. Untersuchungen im Wald kommen darauf, dass im Unterwuchs mehr als 80 Prozent der Photonen, die die Blätter erreichen, aus solchen kurzen Lichtflecken stammen. Jeder einzelne dauert Sekunden bis Minuten.
Mein Maronen-Röhrling hatte dagegen nichts davon. Pilze machen keine Photosynthese, sie brauchen das Licht nicht. Der Scheinwerfer war also nicht für ihn gedacht.
Der Pilz hat nichts vom Scheinwerfer. Der Scheinwerfer war für mich.
Und selbst das stimmt nur halb. Wer Messer und Beutel dabeihat, sieht den Pilz. Wäre ich mit der Kamera unterwegs gewesen, hätte ich vielleicht die Rinde im Gegenlicht gesehen. Das Licht hat den Pilz nicht für mich ausgesucht. Es hat ihn nur nicht versteckt.
Was die Forschung sagt, und was nicht
Ob Lichtflecken auf uns Menschen wirken, ist nicht gut untersucht. Ich habe eine kleine Studie gefunden: 45 Leute, am Bildschirm, mit Lichtfleckenmustern als Hintergrund. Die Muster gefielen besser als ein gleichmäßig graues Bild, wirkten faszinierender und mehr nach Natur. Messbare Erholung von Stress kam dabei nicht heraus.
Zum Waldbaden insgesamt gibt es eine Auswertung von 2023: Der Blutdruck war nach Waldaufenthalten im Schnitt gut drei Punkte niedriger, das Stresshormon Cortisol im Speichel etwas geringer. Die Studien unterscheiden sich aber stark, und verblinden lässt sich ein Waldspaziergang nicht. Mit Komorebi hat das alles nichts zu tun, gemessen wurde der Wald als Ganzes.
Dass ein Lichtfleck etwas heilt, kann ich dir deshalb nicht erzählen. Dass er gefällt, schon.
Mein Messer und der Koch
Neulich habe ich ein Video über den chinesischen Philosophen Zhuangzi gesehen, der im 4. Jahrhundert vor Christus lebte. Darin kommt ein Koch vor, der für einen Fürsten ein Rind zerlegt. Er schneidet nicht durch, er folgt den natürlichen Fugen. Sein Messer sei seit 19 Jahren so scharf wie frisch geschliffen, sagt er.
Dahinter steckt die Idee des wu wei, oft mit „Handeln ohne zu handeln“ übersetzt. Das ist kein Nichtstun. Gemeint ist ein Handeln, das nicht aus Willenskraft und Rechnerei kommt. Der Koch hat dafür Jahre geübt.
Bei meiner Pilzernte war es ähnlich, nur kleiner. Sie war mühelos, weil ich seit meiner Kindheit durch den Reichswald laufe und weiß, wie ein Maronen-Röhrling aussieht.
Mühelos ist das, was lange geübt wurde.
Mein Messer ist übrigens deutlich jünger und hat für diesen einen Pilz nur kurz gearbeitet.
Hirayama und die Bäume
Der Film Perfect Days von Wim Wenders (2023) erzählt von Hirayama, der in Tokio öffentliche Toiletten putzt. Sein Alltag ist streng geregelt. Er hört Kassetten, liest Bücher und fotografiert fast täglich mit einer analogen Kamera das Licht in den Baumkronen. Das Wort Komorebi fällt im ganzen Film kein einziges Mal. Es taucht erst im Abspann auf. Die Bilder kehren in schwarz-weißen Traumsequenzen wieder.
Kōji Yakusho wurde für die Rolle in Cannes als bester Darsteller ausgezeichnet. Ich glaube, das liegt auch daran, dass er sich gar nicht bemüht, etwas Besonderes zu tun. Er schaut nach oben. Zu seiner Nichte sagt er einen Satz, der sich merken lässt: „Next time is next time, now is now.“
In Japan stellt man neben Komorebi gern zwei andere Begriffe: mono no aware, die leise Wehmut über das Vergehen der Dinge, und ichi-go ichi-e, „eine Zeit, eine Begegnung“, aus der Teezeremonie. Im Wörterbuch steht das bei Komorebi nicht, das ist meine Lesart. Ein Lichtfleck passt für mich trotzdem dazu: Er ist da, und dann ist er weg.
Eine Minute für deinen nächsten Spaziergang
Such dir einen Lichtfleck am Boden und schau eine Minute zu, wie er wandert. Halt nichts fest, auch nicht mit dem Handy.
Halt die Hand hinein. Das Bild der Sonne landet auf deiner Haut, und wenn du die Finger kreuzt, baust du dir eine eigene Lochkamera.
Und falls dir danach ein Foto einfällt: Mach es ruhig. Ich bin da kein Vorbild.
Mein Maronen-Röhrling hängt inzwischen geschnitten und getrocknet bei mir in der Küche und gibt Pilzgerichten einen leichten Waldgeschmack. Das ist die ganze Botschaft. Heilung verspreche ich keine. Aber so eine Leuchtreklame läuft jeden Tag irgendwo im Wald. Meistens schaut keiner hin.
Zum Anhören
Zwei Musikstücke begleiten mich bei diesem Thema. Das erste ist „Komorebi“ von Duke Boara, ein gut zehnminütiges Stück zum Eintauchen. Das zweite hat mit dem Film zu tun: „Perfect Day“ von Lou Reed aus dem Jahr 1972, das in Wenders' Film vorkommt. Den Text gebe ich nicht wieder, den soll man sich selbst anhören. Wenn du nur eines hörst, dann dieses.
Quellen
- Tokyo Weekender: Japanese Words We Can't Translate – Komorebi (Lisandra Moor, 2020, 2024)(Externer Link)
- Chicago Botanic Garden: Komorebi(Externer Link)
- University of Richmond, Physics blog: Pinholes and eclipses(Externer Link)
- Wikipedia: Sunfleck (Chazdon & Pearcy 1991; Pearcy & Way 2012)(Externer Link: Wikipedia)
- Chamilothori et al. 2022, TU Eindhoven: Effects of dappled light patterns on preference, fascination and restoration(Externer Link)
- Qiu et al. 2023: The Effects of Forest Therapy on the Blood Pressure and Salivary Cortisol Levels of Urban Residents, IJERPH 20(1)(Externer Link)
- Wikipedia: Perfect Days(Externer Link: Wikipedia)
- Stephan Koplowitz: „Perfect Days“ – Wenders' cinematic diary of dappled light & shadow, arts•meme, 08/01/2024(Externer Link)
- Experiencing Komorebi Through Wenders' Perfect Days, UMSU(Externer Link)
- Wikipedia: Mono no aware(Externer Link: Wikipedia)
- Wikipedia: Ichi-go ichi-e(Externer Link: Wikipedia)
- Duke Boara – Komorebi (YouTube)(Externer Link)
Zum Anhören: „Komorebi“ von Duke Boara, ein gut zehnminütiges Stück zum Eintauchen.
Duke Boara – Komorebi

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Zum Ansehen: der offizielle Trailer zu „Perfect Days“ von Wim Wenders, in dem „Perfect Day“ von Lou Reed immer wieder erklingt.
„Perfect Days“ – offizieller Trailer

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