Naturverbundenheit · Geschichte · Bewusstsein · · 9 Min. Lesezeit
Stille im Stadtpark – Herbst, Allerheiligen und Pepe
Ein Spaziergang durch den Nürnberger Stadtpark: Herbstgold, unbequeme Geschichte, eine alte Linde und das neugierige Eichhörnchen Pepe.

Allerheiligen, Sonntag, Stadtpark: Laub, Stille, ein bronzener Meeresgott, der vermutlich älteste Baum der Stadt und ein schwarzes Eichhörnchen, das lieber nachschaut, als zu verschwinden.
Gold auf dem Rasen
Der Herbst fängt im Stadtpark nicht mit einem Knall an. Er schleicht sich ein. Erst ein gelbes Blatt auf dem Asphaltweg, dann ein ganzer Baum, der aussieht, als hätte jemand das Licht dahinter angeknipst.
Anfang November ist er auf dem Höhepunkt. Das Gold hängt noch in den Kronen, das Laub liegt schon als Teppich im Gras, und irgendwo dazwischen brennt ein einzelner Strauch rot wie eine Ampel, die keiner beachtet.
An manchen Morgen schluckt der Nebel die Hälfte davon. Der Weiher verschwindet, die Bäume werden zu Bleistiftskizzen, und man hört die eigenen Schritte. Und wenn sich die Sonne dann doch durchkämpft, kommt dieses tiefe, weiche Licht, das Stämme, Laub und Kinderwagen gleich behandelt.
Ich bin hingegangen, um hinzuschauen. Schön ist das Erste, was man sieht. Der Park hat aber mehr zu erzählen, wenn man ihn lässt, und nicht alles davon ist golden.
Allerheiligen: Stille per Gesetz
Heute ist der 1. November, und in Bayern ist das ein Feiertag mit Handbremse. Allerheiligen zählt zu den „stillen Tagen“. Laut der Informationsseite der Stadt München bleibt von 2 bis 24 Uhr die Tanzfläche leer, Veranstaltungen, die nicht zum ernsten Charakter des Tages passen, sind untersagt, und wer dagegen verstößt, riskiert bis zu 10.000 Euro Bußgeld. 2026 fällt der Tag auch noch auf einen Sonntag. Doppelt ruhig, zumindest auf dem Papier.
Da stolpere ich über eine Frage: Was ist das für eine Stille, die man anordnen muss? Ein Gesetz kann die Tanzfläche leeren. Den Kopf leert es nicht. Wer am stillen Feiertag stundenlang aufs Handy starrt, hat das Verbot eingehalten und trotzdem keine Minute lang nichts gehört.
Dabei hat der Tag einen guten Kern. Allerheiligen ist der Tag, an dem Menschen zu den Gräbern gehen und innehalten, für ihre Toten und ein Stück weit für sich. Das braucht keine Verordnung. Das braucht fünf Minuten und einen Grund.
Und im Park? Ganz still wird es dort nie. Irgendwo ruft ein Kind, ein Hund klärt Besitzverhältnisse, die Stadt rauscht als Teppich darunter. Ob es still wird, entscheidet sich weniger zwischen den Bäumen als zwischen den Ohren.
Grün mit Geschichte, und die Geschichte darunter
Die Stadt wirbt für ihren Park mit dem Satz „Grün mit Geschichte“. Stimmt. Die Frage ist, welche Geschichte zuerst erzählt wird. Im Kurztext stehen Volksfeste, politische Versammlungen, zwei Landesausstellungen und Villengrundstücke, die den Ausbau bezahlten. Der Name, unter dem der Hügel jahrhundertelang auf den Karten stand, fehlt dort: Judenbühl.
Im Hintergrundtext der Stadt taucht er dann doch auf, und er hat es in sich. Nach dem Stadtlexikon Nürnberg wurden bei den Pestpogromen 1349 Juden auf diesem Hügel verbrannt, und der Schutt ihrer zerstörten Häuser soll hier abgelagert worden sein. Dort, wo das jüdische Viertel und die Synagoge standen, finden sich heute Hauptmarkt und Frauenkirche. Die Stadt schreibt das als Tatsache, die Wikipedia setzt ein „soll“ davor. Der früheste Kartenbeleg, den die Stadt nennt, ist der Pfinzing-Atlas von 1594, also 245 Jahre nach dem Pogrom.
Das Pogrom von 1349 ist Geschichte. Dass der Name genau daher stammt und genau diese Szene an genau dieser Stelle spielte, ist Überlieferung. Ich halte sie für plausibel, schreibe sie aber als das, was sie ist.
Dann kam ein König zum Volksfest. Maximilian II. war zu Gast, der Magistrat bat, den Judenbühl in Maxfeld umbenennen zu dürfen, der König erlaubte es. Aus einem Ort, der an ein Pogrom erinnerte, wurde ein Ort, der einen König ehrte. Ob das Absicht war, geben meine Quellen nicht her. Ein Gesuch an den Landesherrn muss keine böse Absicht gewesen sein. Es ändert nur nichts daran, dass der Park heute ohne den alten Namen auskommt und ich in den Texten, die mir vorliegen, keinen Hinweis auf ein Mahnmal dafür gefunden habe.
Wo sich die Quellen widersprechen
Beim Querlesen sind mir Stellen aufgefallen, an denen Stadt und Wikipedia nicht zusammenpassen. Ich übernehme nur, was sich deckt, und nenne den Rest als Widerspruch:
- Pflanzungen von Waldamtmann Volkamer — Stadt Nürnberg: wohl ab 1747, nochmals um 1758/59; Wikipedia: um 1759
- Umbenennung in Maxfeld — Stadt Nürnberg: Volksfest 1855 mit König Maximilian II.; Wikipedia: Volksfest am 3. Juli 1859; die Einleitung nennt dagegen 1855
- Neugestaltung nach dem Krieg — Stadt Nürnberg: 1952 bis 1954; Wikipedia: Entwurf von 1958 unter Gartendirektor Kurt Ahles
- Marmorvasen — Stadt Nürnberg: erinnern an das Sängerfest 1861 und die Landesausstellung 1882; Wikipedia: gleich im Text, die Bildunterschrift nennt aber Sängerfeste 1891 und 1912
Wer es genau braucht: Rudi Viertel, „Vom Judenbühl zum Maxfeld“ (Stadt Nürnberg, 2. Auflage 2007), steht in der Literaturliste der Wikipedia und wäre der nächste Griff.
Neptun und seine Umzüge

Am Weiher steht er, bronzen, mit Krone, Dreizack und einer Hand in der Hüfte. Der Blick geht über alle hinweg, auch über mich. Am Sockel sitzen Muscheln, Fabelköpfe und ein Doppeladler-Wappen. Der Mann ist weit herumgekommen, und zwar nicht freiwillig. Nach dem Beitrag von Sebastian Heider (2016) und der Wikipedia sieht sein Weg so aus:
- 17. Jahrhundert: Georg Schweigger und Christoph Ritter entwerfen den Brunnen für den Hauptmarkt, als Ersatz für den Schönen Brunnen. Technische Probleme verhindern das, das Ensemble liegt rund hundert Jahre im Bauhof.
- 1797: Zar Paul I. kauft den Brunnen und lässt ihn nach St. Petersburg verschiffen.
- 1896: Man nimmt in Russland Gipsabdrücke und fertigt einen Zweitguss an. Der kommt auf den Hauptmarkt, gegenüber dem Schönen Brunnen.
- NS-Zeit: Der Brunnen wird abgebaut (laut Wikipedia 1934, wegen der Reichsparteitagsaufmärsche) und steht ab 1937 auf dem Marienplatz, dem heutigen Willy-Brandt-Platz.
- 1962: Umzug in ein Betonbecken im Stadtpark, wo er heute steht.
Zwei Dinge fallen mir auf. Erstens: Der Neptun im Park ist die Zweitausgabe, das Original steht in Russland. Auch das gehört zur Ehrlichkeit. Zweitens: Heider spricht von einem „kurzen Intermezzo“ auf dem Marienplatz. Nach der Wikipedia stand der Brunnen dort von 1937 bis 1962. Das ist ein Vierteljahrhundert, kein Intermezzo.
Warum er vom Hauptmarkt verschwand, ist der unbequeme Teil. Die Wikipedia nennt die Aufmärsche. Heider ergänzt, es habe „nicht zuletzt“ daran gelegen, dass Stifter Ludwig von Gerngros, ein Hopfenhändler und Mäzen, jüdischer Herkunft war. Das ist eine Behauptung, im Beitrag steht kein Beleg dazu. Ich gebe sie deshalb so weiter: als Heiders Deutung, nicht als gesicherte Tatsache.
Und weil heute Allerheiligen ist: Georg Schweigger, der Schöpfer des Neptun, liegt auf dem Johannisfriedhof, samt ein paar Epitaphen von seiner Hand. Wer ohnehin zu den Gräbern geht, hat dort einen Grund mehr.
Die Linde, die älter ist als der Park

Der älteste Baum Nürnbergs soll eine Linde sein, mitten im Stadtpark, gegenüber dem Schillerdenkmal. Laut nordbayern.de ist sie etwa 400 Jahre alt, hat rund acht Meter Stammumfang und ist ein Naturdenkmal. Besucher legen demnach gern ehrfürchtig die Hand auf die Rinde.
Ich verstehe, warum man das tut. Rinde ist rau, kühl und sehr wirklich, und die eigene Zeitrechnung wird plötzlich klein: ein paar Jahrzehnte gegen vierhundert. Der Baum sagt dazu nichts. Das macht ihn sympathischer als alle, die über ihn schreiben.
Jetzt der kritische Teil, denn „ältester Baum“ klingt nach Messergebnis und ist keines. Die 400 Jahre sind eine Schätzung auf Grundlage historischer Darstellungen. Eine genauere Altersbestimmung würde den Stamm beschädigen, also lässt man es. Die zweitälteste Linde, an der Hallerwiese, wird auf „über 350“ Jahre geschätzt. Bei zwei Schätzungen in dieser Nähe ist die Rangliste ein Etikett, kein Beweis. Und ich habe für diese Angabe nur diese eine Quelle gefunden.
Auch zur Parkgeschichte passt sie nicht glatt. Die ersten Pflanzungen des Waldamtmanns Volkamer nennen die Quellen für 1747 bis 1759. Ein Baum, der um 1626 ausgetrieben hat, stand dann gut 120 Jahre vor dem ersten Park auf dem Hügel. Der Name Judenbühl stand dagegen schon 1594 im Pfinzing-Atlas, gut dreißig Jahre bevor die Linde ausgetrieben hätte. Ob dieser Teil des heutigen Parks damals schon zum Judenbühl gehörte, kann ich aus meinen Texten nicht sagen. Aber wenn die Schätzung stimmt, ist die Linde die älteste Zeugin hier. Älter als die Baumreihen, älter als der Ballon von 1787, älter als der Name Maxfeld.
Pepe

Und dann war da Pepe. Pepe heißt Pepe, weil ich ihn so nenne. Er selbst hat sich dazu nie geäußert. Er ist schwarz, oder fast: eine dunkle Fellvariante des heimischen Eichhörnchens, nur der Bauch ist weiß. Mein Lieblingseichhörnchen, ich gebe es zu.
Er rannte davon. Das ist nichts Neues, ich bin für ein Eichhörnchen ein großes, ungeschicktes Raubtier mit Handy. Aber er blieb stehen. Drehte sich um. Schaute, was ich da eigentlich will. Rannte ein Stück weiter, blieb wieder stehen, schaute wieder. Immer wieder, Weglaufen, Nachsehen, Weglaufen, Nachsehen. Ich bin nicht hinterher. Wer einem Eichhörnchen nachläuft, hat schon verloren.
Auf dem Foto sieht man davon nicht viel: hinter Nadelzweigen ein Auge, ein Stück weißer Bauch, der Rest ist Fell und Vorsicht. Der war fei neugierig.
Der Advocatus Diaboli in mir meldet sich natürlich. Die nüchterne Lesart: Park-Eichhörnchen kennen Menschen, und manche von uns haben Nüsse dabei. Er prüft vermutlich, ob ich so einer bin. Die schönere Lesart: Er wollte es wissen. Ich nehme beide. Dass die Neugier die Angst jedes Mal wieder überstimmt hat, gefällt mir trotzdem. Angst und Neugier gleichzeitig, und keine gibt nach. Ich kenne das von mir. Erst abhauen, dann doch nachsehen.
Ein Gedicht dazu
Eigentlich gehörte hierher ein Herbstgedicht von einem Nürnberger. Ich habe keines gefunden, das ich geprüft und ohne Rechtefrage zitieren könnte. Wer in der Nürnberger Dichtung des 17. Jahrhunderts suchen will, startet beim Pegnesischen Blumenorden. Bis dahin muss ein eigener Vers reichen:
Allerheiligen im Stadtpark
Das Laub fällt ohne Ansage.
Der Weiher hält still.
Ein Gott aus Bronze schaut an uns vorbei,
die alte Linde sagt dazu nichts.
Nur einer läuft weg, bleibt stehen,
läuft weg, bleibt stehen
und will es wissen.
Was bleibt
Ein Stadtpark ist kein Wald. Er ist gebaute Natur, 1856 von Georg Zacharias Platner zum Landschaftspark umgestaltet, nach dem Krieg neu angelegt, bis heute immer wieder angefasst. Das macht ihn nicht falsch. Auch der inszenierteste Park hat Herbst, und auch in ihm lässt sich üben, was im Wald leichter fällt: hinschauen, ohne gleich zu bewerten.
Hinschauen heißt hier auch, das Unbequeme nicht zu übersehen. Das Gold ist echt. Der Name Judenbühl war es auch.
Eine Minute für den nächsten Spaziergang:
- Bleib stehen. Du musst nichts üben.
- Bemerke, was du hörst, was du siehst und wie du gerade atmest.
- Such dir eine Sache aus, die nicht schön ist, und schau sie trotzdem an.
- Geh weiter.
Und falls dich unterwegs etwas anschaut, das eigentlich weglaufen müsste: bleib auch stehen. Mehr als einen Moment, in dem der Kopf ein bisschen klarer wird, verspreche ich dir nicht. Pepe verspricht nicht mal das.
Quellen
Stadtpark Nürnberg, Wikipedia(Externer Link: Wikipedia)
Stadt Nürnberg: „Hintergrund: Entwicklung und Geschichte des Stadtparks“ und „Grün mit Geschichte“
Sebastian Heider: „Georg Schweigger oder: Die Reise des Neptunbrunnens“, 13.06.2016
400 Jahre und gesund: Das sind Nürnbergs älteste Bäume, nordbayern.de(Externer Link)
Stille Feiertage in München, muenchen.de(Externer Link) und Bayerisches Feiertagsgesetz, Art. 3, gesetze-bayern.de(Externer Link)
Zum Anhören: „Autumn“ von Hamatsuki.
Hamatsuki – Autumn

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