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Bewusstsein · · 6 Min. Lesezeit

Der Fliegenpilz, Alice im Wunderland und die Kunst, wieder wirklich hinzusehen

Was uns ein geheimnisvoller Pilz über Natur, Wahrnehmung und unseren eigenen Weg aus dem digitalen Alltag erzählen kann.

Alice sitzt im Wald vor der Raupe auf einem Fliegenpilz; am Baum steht die Frage Who Are You?

Der Fliegenpilz ist wohl einer der bekanntesten Pilze der Welt. Rot, weiß gepunktet, geheimnisvoll – für viele Menschen ist er seit der Kindheit mit Märchen, Glück, Zwergen und magischen Welten verbunden.

Doch hinter dem ikonischen Bild steckt ein erstaunlich komplexer Organismus. Die aktuelle ARTE-Dokumentation über den Fliegenpilz führt von Mykologie und Wissenschaft über Kulturgeschichte und Schamanismus bis hin zu der Frage, warum dieser Pilz bis heute unsere Fantasie beschäftigt. Besonders spannend ist dabei seine Verbindung zu Alice im Wunderland.

Der Pilz an der Schwelle

Eine Aussage aus der Dokumentation ist mir besonders im Gedächtnis geblieben:

Der Wald wird als Übergangsraum beschrieben – als ein Ort, an dem die gewohnte Ordnung unserer Welt für einen Moment weniger selbstverständlich erscheint. Der Fliegenpilz wird dabei symbolisch genau an dieser Grenze verortet.

Das gefällt mir als Bild.

Denn vielleicht muss man gar nicht auf die Suche nach einer „anderen Welt“ gehen. Manchmal reicht es, die Welt, in der wir bereits leben, wieder anders wahrzunehmen.

Wir sind es gewohnt, durch unseren Alltag zu funktionieren: Termine, Nachrichten, E-Mails, Smartphone, Meetings, To-do-Listen, ständig neue Informationen. Unser Blick ist häufig auf Bildschirme gerichtet und unsere Aufmerksamkeit wird permanent von außen beansprucht.

Dann gehen wir in den Wald. Und plötzlich wird es langsamer.

Der Boden unter den Füßen wird wieder spürbar. Wind bewegt die Blätter. Vögel werden hörbar. Licht fällt durch das Blätterdach. Ein Pilz steht am Wegesrand, den wir fünf Minuten vorher überhaupt nicht bemerkt hätten.

Die Welt hat sich nicht verändert.

Unsere Aufmerksamkeit hat sich verändert.

Alice und die Frage: „Wer bist du?“

In Alice im Wunderland begegnet Alice der rauchenden Raupe auf einem Pilz. Die Raupe stellt ihr eine scheinbar einfache, aber ziemlich radikale Frage:

„Who are you?“ – „Wer bist du?“

Kurz darauf wird der Pilz zum Auslöser für Alices Größenveränderung. Sie wird kleiner, größer, verliert ihre gewohnte Orientierung und gerät immer tiefer in eine Welt, in der die vertrauten Regeln nicht mehr funktionieren.

Die ARTE-Dokumentation greift diese Verbindung auf und deutet Alices Reise als Bild eines Bewusstseinswandels: Die Außenwelt bleibt bestehen, aber Alice nimmt sie mit anderen Augen wahr.

Natürlich sollte man daraus keine historische Behauptung machen, dass Lewis Carroll mit dem Fliegenpilz tatsächlich eine psychoaktive Erfahrung beschreiben wollte. Die Verbindung zwischen Alice, dem Pilz und veränderter Wahrnehmung ist vor allem eine kulturelle und symbolische Lesart.

Aber als Metapher funktioniert sie erstaunlich gut. Denn auch ein Waldspaziergang kann etwas verändern: nicht unbedingt den Wald, sondern den Blick auf ihn.

Der Wald als Gegenwelt zum digitalen Alltag

Die Dokumentation zeigt den Fliegenpilz nicht nur als kulturelles Symbol, sondern vor allem als Teil eines hochkomplexen Ökosystems.

Der sichtbare rote Pilzhut ist dabei nur ein kleiner Teil des Organismus. Der eigentliche Pilz lebt größtenteils als Myzel im Boden. Dort steht er in Verbindung mit Bäumen und anderen Organismen. Die Forschung zeigt, wie komplex diese Beziehungen sind – und gleichzeitig, wie viel wir darüber noch nicht verstehen.

Das ist für mich eine wichtige Perspektive:

Der Wald ist kein Ort voller Kulissen. Er ist ein lebendiges Netzwerk.

Wir gehen hindurch und sehen Bäume, Moos, Pilze, Gräser und Tiere. Unter unseren Füßen laufen gleichzeitig Prozesse ab, die wir kaum wahrnehmen.

Vielleicht ist genau diese Erfahrung heute besonders wertvoll. Wir müssen nicht immer alles erklären. Wir dürfen auch einfach beobachten, wahrnehmen und staunen.

Naturverbundenheit bedeutet nicht, vor der modernen Welt davonzulaufen

Ich verstehe Naturverbundenheit nicht als Flucht vor Technologie oder Zivilisation. Es geht nicht darum, das Smartphone zu verteufeln oder wieder „zurück in die Steinzeit“ zu wollen. Technologie ist Teil unseres Lebens.

Aber unser Nervensystem, unsere Sinne und unsere Aufmerksamkeit brauchen nicht permanent denselben digitalen Takt. Ein bewusster Aufenthalt im Wald kann deshalb ein Gegenpol sein:

  • weniger Bildschirm – mehr Landschaft
  • weniger Informationsflut – mehr unmittelbare Wahrnehmung
  • weniger Funktionieren – mehr Sein
  • weniger Tempo – mehr Zeit

Und genau hier beginnt für mich Waldbegleitung.

Waldbegleitung: Aus dem Kopf in die Landschaft

Bei meiner Waldbegleitung geht es nicht darum, Menschen zu „reparieren“. Ich gebe keine Heilversprechen und ersetze weder medizinische noch psychotherapeutische Behandlung.

Es geht um etwas anderes: einen Raum zu schaffen, in dem Menschen für eine Weile aus ihrem gewohnten Alltag heraustreten können.

Wir gehen langsam. Wir nehmen wahr. Wir hören. Wir schauen genauer hin. Wir spüren den Boden unter den Füßen. Wir lassen das Smartphone vielleicht einmal in der Tasche.

Und manchmal entdecken wir dabei Dinge, an denen wir sonst einfach vorbeigelaufen wären. Vielleicht einen Fliegenpilz. Vielleicht eine besondere Baumrinde. Vielleicht einen Vogelruf. Vielleicht aber auch etwas ganz Unspektakuläres.

Und genau das kann reichen.

Der Fliegenpilz muss dafür gar nicht gegessen werden

Das ist mir besonders wichtig.

Der Fliegenpilz ist kein harmloser Speisepilz. Die Dokumentation beschreibt seine Inhaltsstoffe und auch die Risiken seines Konsums. Insbesondere die Konzentrationen seiner Wirkstoffe können stark variieren; unkontrollierter Konsum kann zu schweren körperlichen und psychischen Reaktionen führen.

Für mich liegt die faszinierende Seite des Fliegenpilzes deshalb nicht darin, ihn zu konsumieren. Ich finde es viel interessanter, ihm im Wald zu begegnen.

Ihn anzuschauen. Seine Farbe wahrzunehmen. Seine Form zu entdecken. Sich zu fragen, warum ausgerechnet dieser Pilz seit Jahrhunderten Geschichten über Glück, Magie, Transformation und andere Welten hervorbringt.

Und dann vielleicht einfach weiterzugehen.

Resilienz beginnt nicht unbedingt mit einer großen Veränderung

Wir leben in einer Zeit, in der für fast alles eine schnelle Lösung angeboten wird. Eine Methode. Ein Tool. Eine App. Ein Kurs. Eine Pille. Eine Technik.

Die Natur funktioniert anders. Ein Wald wächst nicht schneller, nur weil wir es eilig haben. Ein Baum diskutiert nicht darüber, ob er heute produktiv genug war. Ein Pilz muss keine Ziele erreichen.

Und vielleicht liegt genau darin eine interessante Einladung: Nicht immer sofort etwas verändern zu müssen. Sondern zunächst wieder wahrzunehmen, was gerade da ist.

Meine Waldbegleitung versteht sich deshalb als Einladung, den eigenen Alltag für eine gewisse Zeit zu unterbrechen, Abstand zu gewinnen und die Aufmerksamkeit wieder stärker auf die unmittelbare Umgebung zu richten.

Das kann für manche Menschen ein Weg sein, wieder mehr Ruhe zu erleben, eigene Ressourcen wahrzunehmen und den Umgang mit den Anforderungen des Alltags bewusster zu gestalten.

Nicht als Versprechen. Sondern als Erfahrungsraum.

Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft des Fliegenpilzes

Alice fällt durch ein Kaninchenloch und landet in einer Welt, in der plötzlich alles anders ist.

Wir müssen nicht durch ein Kaninchenloch fallen. Wir müssen auch keinen Pilz essen. Manchmal reicht es, durch den Wald zu gehen und wirklich hinzusehen.

Vielleicht ist der Fliegenpilz deshalb ein so starkes Symbol. Er erinnert uns daran, dass unter der scheinbar vertrauten Oberfläche eine Welt existiert, die größer, komplexer und geheimnisvoller ist, als wir im Alltag wahrnehmen.

Und vielleicht gilt das nicht nur für den Wald. Sondern auch für uns selbst.

Aus dem digitalen Alltag in die Landschaft

Wenn du merkst, dass dir zwischen Bildschirm, Terminen und ständiger Erreichbarkeit manchmal die Verbindung zu dir selbst und zur Natur fehlt, kann eine bewusste Zeit im Wald ein guter Gegenpol sein.

In meiner Sylviotherapie und naturbasierten Waldbegleitung geht es nicht um Leistungsdruck, Selbstoptimierung oder schnelle Lösungen. Es geht um Wahrnehmen. Entschleunigen. Natur erleben. Bei sich ankommen.

Und vielleicht begegnet dir dabei irgendwann auch ein kleiner roter Pilz mit weißen Punkten. Dann bleib einfach einmal stehen. Schau ihn an. Und frag dich – ganz im Sinne der Raupe:

„Wer bin ich eigentlich, wenn gerade niemand etwas von mir erwartet?“

ARTE-Dokumentation: Der Fliegenpilz

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Jefferson Airplane – White Rabbit

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