Sylviotherapie · Naturverbundenheit · Bewusstsein · · 7 Min. Lesezeit
Wer pflegt, jätet auch
Ein Essay feiert die Pflege als Haltung zur Welt. Ich teile die Richtung, hake aber nach: Wer pflegt, entscheidet auch, was wachsen darf – im Garten, im Wald und in der Pflege selbst.

Ein Essay über das „Pflegen des Werdenden“ hat mich zwei Abende lang beschäftigt. Ich teile seine Richtung. Ein paar Stellen kratzen trotzdem, und genau die finde ich interessant.
Auf der Seite Dialogische Ästhetik im Anthropozän ist ein neuer Essay von Michael Florian Schels erschienen: „Vom Pflegen des Werdenden“(Externer Link: Dialogische Ästhetik). Ich habe mich dort schon einmal eingeklinkt, mit „Drunter liegt der Wald“. Diesmal geht es um ein Wort, das ich seit meiner Kindheit kenne, allerdings aus einer sehr bodenständigen Ecke. Im Schrebergarten meiner Eltern hieß Pflege vor allem: Gießkanne schleppen, Schnecken absammeln, Giersch ziehen.
Der Essay meint etwas Größeres. Pflege soll keine Berufsbezeichnung sein, sondern „eine Beziehung zur Welt“. Vertrauen, Bildung, Gesundheit und Gemeinschaft lassen sich nicht herstellen wie ein Werkstück. Sie entstehen, wenn man ihnen Bedingungen schafft. Von dort zieht Schels eine Linie über Pädagogik und Therapie bis zu Demokratie und künstlicher Intelligenz.
Vieles davon unterschreibe ich. Ein paar Dinge nicht. Und weil ein Text, der vom Zuhören handelt, Widerspruch vertragen sollte, schreibe ich sie hier auf.
Die Leute, die auf eine Aufgabe warten
Die stärkste Szene steht gleich am Anfang. Schels ist mit Pflegepädagoginnen und Pflegepädagogen draußen im Gras, ohne Lernziel und ohne Methode. Einige legen sich hin, andere schauen Insekten zu. Und manche wirken suchend, „als warteten sie auf eine Fragestellung oder einen Rahmen“.
Die kenne ich. Die stehen bei mir in jeder Waldzeit, und oft bin ich das selbst. Ich sitze seit meiner Jugend vor Computern, und das hinterlässt Spuren: Wenn nichts zu tun ist, sucht der Kopf das Eingabefeld. Deshalb lasse ich am Anfang nichts üben. Stehen bleiben reicht. Wer dabei unruhig wird, ist im Wald genau richtig angekommen.
Mir gefällt, dass Schels nicht bewertet, wer der Erfahrung „näher“ kam. Ein offener Raum stiftet keine gemeinsame Erfahrung, er macht Unterschiede sichtbar. Das ist ehrlicher als vieles, was man über Waldbaden liest, wo am Ende angeblich alle tiefenentspannt und geerdet aus dem Unterholz treten.
„Eine Wiese verlangt keine Zustimmung. Sie bleibt einfach da.“
Wenn alles Pflege ist
Dann wird der Essay größer, und mit jedem Absatz wächst auch das Wort. Pflege begleitet das Werdende, schützt Beziehungen, bewahrt Bedingungen. Eine Schule pflegt Zukunft, eine Demokratie pflegt Zukunft, ein Fluss braucht Pflege. Am Ende ist Pflege „eine Weise, in der Welt zu sein“.
Hier werde ich skeptisch. Ein Begriff, der alles umfasst, verliert seine Kanten. Wenn Flussrenaturierung, Schulunterricht, Demokratie und das Gespräch mit einer KI demselben Prinzip folgen, kann ich mit dem Prinzip wenig unterscheiden. Ich übe Achtsamkeit, seit ich achtzehn bin, und habe dabei vor allem eines gelernt: Je größer das Wort, desto leichter rutscht man an der Sache vorbei.
Sätze wie „Vertrauen entsteht. Bildung entsteht. Gesundheit entsteht.“ klingen wie eine Litanei. Ich gebe zu, ich mag solche Satzmelodien. Ich misstraue ihnen trotzdem, weil sie mich nicken lassen, bevor ich nachgedacht habe. Schels legt offen, dass ihm KI bei „sprachlichen Verdichtungen“ geholfen hat. Das ist anständig, und ich arbeite selbst so. Nur sind genau diese Verdichtungen das, was man mit KI am leichtesten bekommt: Rhythmus, Parallelen, Reihen aus drei, fünf, sechs Gliedern. Das klingt tief. Ob es trägt, merkt man erst, wenn man versucht, einen dieser Sätze im Wald anzuwenden.
Der Gärtner hat auch eine Hacke
Im Zentrum steht das Bild vom Gärtner: Licht, Wasser, Boden, Geduld, und die Pflanze findet ihren eigenen Weg. Stimmt. Nur hält der Gärtner in der anderen Hand meistens eine Hacke.
Ich führe den Schrebergarten meiner Eltern weiter und pflege ihn gern. Pflege heißt dort aber auch: Der Giersch muss raus, die Brombeere wird zurückgeschnitten, und die Wühlmaus hat zu meiner Vorstellung vom Werdenden eine eigene Meinung. Pflegen heißt immer auch entscheiden, was wachsen darf. Das ist kein Makel. Es ist Verantwortung, und die sollte man aussprechen, statt sie hinter dem schönen Wort „begleiten“ verschwinden zu lassen.
Das größte Beispiel dafür liegt bei uns gleich vor der Stadt. Peter Stromer hat 1368 im Reichswald Nadelbäume gesät, eine Pflegemaßnahme mit besten Absichten. Herausgekommen ist über Jahrhunderte der Steckerleswald, den die Förster heute mühsam wieder umbauen. Darüber habe ich in „Der Wald, den wir gesät haben“ geschrieben. Hier nur so viel: Auch aufmerksame, gut gemeinte Pflege kann eine Monokultur hervorbringen.
Und das Wort selbst ist nicht unschuldig. Es gibt Heimatpflege, Brauchtumspflege und die gepflegte Hecke, deren Höhe in der Gartenordnung steht. Pflege kann bewahren, was lebendig ist. Sie kann auch festhalten, was längst gehen dürfte.
Wer pflegt, jätet auch. Die Frage ist, ob er weiß, was er da rauszieht.
Pflege im Minutentakt
Der Essay beginnt bei Menschen aus der Pflegeausbildung. Umso mehr fehlt mir eine Stelle, an der die Pflege so zu Wort kommt, wie sie ist. Wer jemanden kennt, der im Krankenhaus oder im Heim arbeitet, kennt die Geschichten: zu wenig Personal, zu knappe Schichten, Dokumentation, die mehr Zeit frisst als der Mensch im Bett.
Dass Pflege „keiner Produktionslogik“ folgt, stimmt als Beschreibung ihres Wesens. Als Beschreibung ihres Alltags stimmt es leider nicht. Die Produktionslogik haben sich die Pflegekräfte nicht ausgesucht. Sie kommt als Zeitvorgabe und Abrechnungsziffer von oben.
Ich vermute, eine Pflegerin nach der dritten Nachtschicht liest den Satz, Pflege sei „eine Weise, in der Welt zu sein“, mit gemischten Gefühlen. Er adelt ihre Arbeit und lässt sie gleichzeitig damit allein. Eine Kultur des Begleitens braucht auch Personalschlüssel, ordentliche Löhne und Pausen. Sonst wird der schöne Begriff zur Begründung, warum alles bleiben kann, wie es ist.
Zwei Atmosphären, ein bisschen zu sauber getrennt
Im Mittelteil stellt Schels zwei Atmosphären gegenüber. Auf der einen Seite die autoritäre Welle, die von Angst und Feindbildern lebt und die Welt kleiner macht. Auf der anderen Seite Schulen, Gärten und Therapieräume, in denen Aufmerksamkeit wächst und die Welt bewohnbarer wird.
Die Beobachtung teile ich. Dass Angst die Wahrnehmung verengt, weiß jeder, der schon einmal nachts um drei an einer Sorge gekaut hat. Aber die Gegenüberstellung ist mir zu sauber. Sie tut genau das, was der Essay der autoritären Seite vorwirft: Sie macht aus einer komplizierten Lage einen klaren Gegensatz. Hier die Enge, dort die Weite.
Im echten Leben verlaufen die Linien quer durch die Menschen. Wer je in einem Kleingartenverein war, weiß, dass auch zwischen Tomatenstauden Feindbilder gedeihen. Und wer mit Angst Politik macht oder ihr hinterherläuft, ist deshalb nicht für die Aufmerksamkeit verloren. Wenn Pflege wirklich heißt, Räume offen zu halten, dann auch für die, die gerade in der engen Atmosphäre feststecken. Das ist unbequem. Es ist aber der Teil, an dem sich zeigt, ob das Konzept etwas taugt.
Rübezahl hätte keinen Resonanzindex
Zum Schluss lädt Schels an einen gedachten Tisch: der Anthropologe Tim Ingold, der Denker Bayo Akomolafe, Kassandra, Ikarus und Rübezahl. Die Idee gefällt mir, gerade wegen des Berggeists. Nach sechzehn Jahren schamanischer Praxis ist es für mich selbstverständlich, dass eine Landschaft ein Gegenüber ist und keine Kulisse. Und der erste Gedanke des Essays spricht mir aus dem Herzen: Das Heilige hat den Fluss nie verlassen, wir haben nur verlernt, es wahrzunehmen. Das ist nah an dem, was ich immer sage. Man kann nicht zurück zur Natur. Wir waren nie weg.
Nur war Rübezahl in den alten Sagen kein freundlicher Moderator. Er hat gefoppt, gestraft und Wanderer in die Irre geführt, wenn sie ihn verspottet haben. Wer ihn an den Tisch setzt, muss damit rechnen, dass er ihn umwirft. Die Mitwelt ist nicht nur geduldig. Sie ist auch rau, launisch und komisch. In der Runde fehlt mir deshalb jemand, der lacht.
Bleibt der Transparenzhinweis am Ende: KI-Index 4/10, Resonanzindex R8, „Gegenwärtigkeit: hoch“. Die Offenheit über den KI-Anteil finde ich gut, sie sollte Standard werden. Dass ein Text sich selbst hohe Gegenwärtigkeit bescheinigt, bringt mich allerdings zum Schmunzeln. Der gegenwärtigste Lehrer, den ich habe, ist mein Kater Mr. Spock. Eine Note hat er sich nie gegeben. Er liegt einfach da, wie die Wiese.
Was ich mitnehme
Meine Einwände richten sich nicht gegen die Richtung. Ich halte den Schritt vom Herstellen zum Begleiten für richtig und versuche ihn bei jeder Waldzeit zu üben, mit wechselndem Erfolg und viel Geduld mit mir selbst. Mir fehlt im Essay nur die Erde unter den Fingernägeln: die Hacke, der Dienstplan, der grantige Berggeist.
Für meine Waldzeiten heißt das ganz praktisch: Ich halte den Raum offen, tue aber nicht so, als wäre ich nicht da. Wer einen Rahmen braucht, bekommt einen. Wer sich lieber ins Moos legt, braucht keinen. Das ist meine Art, das Werdende zu pflegen. Manchmal heißt es auch, die eigene schöne Idee davon zu jäten, weil das, was da gerade wächst, etwas ganz anderes ist.
Der Wald wartet nicht darauf, dass wir ihn verstehen. Er wächst einfach weiter. Das finde ich tröstlich.
Quelle: Michael Florian Schels, „Vom Pflegen des Werdenden“(Externer Link: Dialogische Ästhetik), Dialogische Ästhetik im Anthropozän, abgerufen am 08.10.2026.
Zum Ausklang: Martin Roth – A Mental Vacation.
Martin Roth – A Mental Vacation

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