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Bewusstsein · · 7 Min. Lesezeit

Wieder zu Haus

Elektrische Schafe im Reichswald – über künstliche Menschen, echte Bedürfnisse und die Frage, was uns menschlich macht. Von Blade Runner bis zum Steckerleswald.

Ein Mensch sitzt mit einer Katze und einem elektrischen Schaf über dem Reichswald; Natur und futuristische Stadt treffen aufeinander.

Die Zukunft aus Blade Runner(Externer Link: Wikipedia) spielt im November 2019. Die haben wir also hinter uns. Fliegende Autos gab's keine, dafür Corona. Und der Dauerregen im Los Angeles des Films war auch nicht nasser als der November am Plärrer.

Die Frage aus dem Film ist aber geblieben. Heuer ist sie dringender als 1982.

Die Tyrell Corporation wirbt dort mit dem Satz „More human than human“. Menschlicher als der Mensch. Nicht klüger, nicht stärker. Menschlicher. Das ist entweder der größenwahnsinnigste Werbespruch der Filmgeschichte oder der ehrlichste.

Ich bin da vorbelastet. Seit 46 Jahren arbeite ich mit Computern. Früher musste man ihnen jede Kleinigkeit erklären. Heute erklären sie mir Sachen. Manchmal sogar richtige. In Nürnberg hat man übrigens schon 1647 vom Trichter geträumt, mit dem man Wissen in Köpfe schütten kann. Jetzt haben wir ihn. Er heißt Chatbot und schüttet in beide Richtungen.

Das Schaf, das man pflegen muss

In Philip K. Dicks Romanvorlage sind echte Tiere fast ausgestorben. Wer eins hat, gibt damit an. Wer keins hat, hält sich ein elektrisches und schämt sich ein weng dafür. Deckard füttert ein Schaf, das nicht frisst.

Was bei Dick den Menschen vom Androiden unterscheidet, ist nicht Intelligenz. Es ist Empathie. Die Fähigkeit, das Leid eines anderen Wesens mitzufühlen, auch das eines Tieres.

Sechzehn Jahre schamanische Praxis haben mich vor allem eins gelehrt, und das ist unspektakulärer, als es klingt: Ein Baum, eine Krähe, ein Bach sind kein Hintergrund. Sie sind ein Gegenüber.

Das ist keine Magie. Das ist Aufmerksamkeit.

Nürnberger Tand

J.F. Sebastian ist genetischer Designer, entwirft Replikanten für die Tyrell Corporation und bastelt in seiner Wohnung in einem verlassenen Haus lebensechte mechanische Spielzeugfiguren, die er als seine einzigen Freunde ansieht. Wenn er heimkommt, begrüßen sie ihn: „Home again, home again, jiggity-jig. Good evening, J.F.“ Und einer von ihnen marschiert dabei zielsicher gegen die Wand.

Als Nürnberger kennt man das Prinzip. „Nürnberger Tand geht durch alle Land“, hieß es früher über unsere Spielzeugmacher. Die Figuren konnten auch nicht alles.

Es ist die komischste Szene im ganzen Film und eine der traurigsten. Ein Mann, den abends nur sein Spielzeug begrüßt.

Ich sehe in diesen Figuren uns. Nicht Roy Batty mit seinem perfekten Körper und seinem großen Abgang im Regen. Sondern den kleinen Soldaten, der jeden Abend dieselbe Wand erwischt. Wir sagen unser Sprüchlein auf, stolpern, laufen wieder dagegen. Am nächsten Tag das Gleiche.

Mir hat in solchen Momenten am meisten geholfen, drüber zu lachen. Nicht über andere, über mich. Wer über sich lachen kann, nimmt sich ein Stück weniger wichtig. Das war für mich oft der Anfang davon, dass etwas wieder heil wurde.

Sebastian selbst altert viel zu schnell. Er ist der Mensch mit Ablaufdatum weil er am Methusalem-Syndrom leidet und vielleicht versteht er die Replikanten deshalb besser als alle anderen.

Freunde, die nie gegen die Wand laufen

Wir bauen uns heute auch wieder Freunde. Sie hören immer zu, sind nie müde, nie beleidigt, nie genervt. Und sie laufen nie gegen die Wand. Genau das macht mich ein bisschen misstrauisch.

Ein Freund, den man nicht enttäuschen kann und der sich nie blamiert, ist kein Freund. Das ist ein sehr guter Service.

Die Maschine besteht den Test

Die Replikanten im Film werden mit dem Voight-Kampff-Test entlarvt. Er misst emotionale Reaktionen, um festzustellen, ob einer Mitgefühl hat.

Und jetzt kommt der Witz des Films, den man leicht übersieht: Deckard, der Mensch, erschießt eine flüchtende Frau in den Rücken. Roy Batty, die Maschine, rettet am Ende seinem Jäger das Leben. Wer den Test besteht, ist nicht der, für den er gebaut wurde.

Ob Deckard selbst ein Replikant ist, lässt der Film offen. Das Einhorn aus Papier, das Gaff ihm hinlegt, deutet es an. Ridley Scott sagt ja, Harrison Ford sagt nein. Die beiden streiten seit vierzig Jahren. Ich finde die Frage inzwischen weniger wichtig als die andere:

Woran würde ich es bei mir merken?

Vier Jahre

Roy hat eine Lebenszeit von vier Jahren. Er fordert von seinem Schöpfer mehr Leben, und als der sagt, dass das nicht geht, bringt er ihn um. Das ist Transhumanismus in einer Szene: Die Schöpfung verlangt vom Schöpfer, die Endlichkeit abzuschaffen.

Dann sitzt er im Regen und spricht über das, was er gesehen hat und was mit ihm verschwinden wird. Wie Tränen im Regen.

Vierzig Jahre Buddhismus laufen bei mir auf einen ziemlich schlichten Satz hinaus: Alles vergeht. Das klingt traurig. Ist aber die Voraussetzung dafür, dass überhaupt irgendwas zählt.

Roy braucht keine vierzig Jahre dafür. Ihm reichen vier.

Peter Henlein, dem man in Nürnberg die Taschenuhr zuschreibt – die Historiker streiten, die Nürnberger nicht –, hat uns beigebracht, die Zeit mit uns herumzutragen. Die Frage ist, was wir mit ihr machen.

Ein menschengemachter Wald

Am Wochenende war ich im Reichswald. Die Einheimischen sagen gern „Steckerleswald“, wegen der vielen dünnen Kiefern. Man sollte wissen: Dieser Wald ist selbst ein Stück Technik. 1368 hat der Nürnberger Peter Stromer hier als Erster nachweislich Nadelbäume gezielt ausgesät. Wir laufen also durch eine sehr alte Innovation.

Ich erzähle das, weil „Zurück zur Natur“ oft nach Flucht klingt. Als könnte man die Technik am Waldrand abstellen wie das Auto am Wanderparkplatz. So einfach ist es nicht. Man kann auch gar nicht zurück zur Natur. Wir waren nie weg. Wir sind Natur, auch mit dem Handy in der Tasche. Wir haben es nur zwischendurch vergessen.

Aber es gibt einen Unterschied. Der Wald reagiert nicht auf mich. Er optimiert nichts. Das Totholz bleibt liegen, und aus ihm wächst das Nächste. Pilze kommen, wann sie wollen. Ein Eichelhäher schimpft, weil ich im Weg bin, und hat recht.

Zwei Stunden nichts leisten

Waldbaden heißt das inzwischen, oder Sylviotherapie, und ich begleite Menschen dabei. Ehrlich gesagt braucht man dafür niemanden. Man kann einfach losgehen. Nur: Die meisten tun es nicht. Und wer es tut, nimmt das Hamsterrad oft mit. Die Gedankenspirale läuft im Wald einfach weiter, nur mit besserer Luft.

Manchmal hilft es, wenn jemand sagt:

Du darfst jetzt zwei Stunden nichts leisten.

Heilung verspreche ich keine. Aber vielleicht einen Moment, in dem der Kopf klar wird. Manchmal ist es von den zwei Stunden nur eine Minute. Die reicht oft schon, um zu merken, worum es eigentlich geht.

Was bleibt

Ich bin Wassermann und im chinesischen Kalender Feuerpferd, Jahrgang 66. In Japan sind in dem Jahr rund ein Viertel weniger Kinder zur Welt gekommen, weil Feuerpferde als schwierig galten. Ich hatte also statistisch Glück, überhaupt da zu sein. Glauben muss ich trotzdem nicht dran. Heuer ist übrigens wieder Feuerpferd. Wir werden sehen.

Was ich nach 46 Jahren mit Maschinen weiß: Sie werden besser. Viel besser. Mit ihnen um die Wette zu laufen, halte ich für vergebliche Mühe.

Die spannendere Frage stellt der Film selbst, auch wenn er sie einer Maschine in den Mund legt: Kann ich mitfühlen? Mit einem Menschen, einem Tier, einem Wald? Kann ich gnädig sein mit jemandem, der mir gerade das Leben schwer macht? Kann ich akzeptieren, dass meine Zeit begrenzt ist, ohne deswegen durchzudrehen?

Wenn eine Maschine das eines Tages kann, dann Respekt. Ich arbeite noch dran.

Was sich nicht herunterladen lässt

Ich glaube, dafür muss man ein paar Dinge bewahren, die sich schlecht optimieren lassen. Einen Körper, der müde wird und alt. Andere Menschen, die man anfassen kann und die zurückreden. Geschichten. Dunkelheit, in der man nichts sieht, und Licht, das nicht von einem Bildschirm kommt. Und Orte, an denen nichts besser werden muss.

Genau diese Dinge will die Aufmerksamkeitsökonomie haben. Jede Minute, in der ich nicht aufs Handy schaue, ist für irgendwen ein Umsatzverlust. Das ist keine Verschwörung, das ist ein Geschäftsmodell. Der Wald dagegen will nix von mir.

Wir sind keine Maschinen. Wir haben Bedürfnisse, und die wichtigsten davon kann man nicht herunterladen.

Mehr Mensch als Mensch muss ich dafür nicht werden. Mensch reicht. Mit allem, was dazugehört. Auch der Wand.

Wieder zu Haus

Neulich kam ich aus dem Reichswald zurück, Kiefernnadeln in den Schuhen, das Handy den ganzen Nachmittag in der Jackentasche vergessen. Beim Aufsperren der Haustür musste ich an Sebastians Spielzeugsoldaten denken. Bei mir begrüßt mich aber mein reizender Kater Mr. Spock und der ist quick lebendig und will gefüttert werden. Wieder zu Haus, wieder zu Haus.

Gemeint war aber nicht die Wohnung. Gemeint war dieses Gefühl, dass ich für ein paar Stunden nichts darstellen musste. Nicht schneller, nicht klüger, nicht optimierter. Einfach der, der da gerade über Wurzeln stolpert. Einfach ich selbst sein und mich und die Natur spüren.

Jiggity-jig.

Home Again, Home Again Jiggity Jig

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Tränen im Regen

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