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Bewusstsein · · 6 Min. Lesezeit

Drunter liegt der Wald

Ein Essay mit sperrigen Wörtern, ein Büschel Unkraut von 1503 und die Frage, was ein Waldbegleiter eigentlich tut. Vorab: nicht viel.

Albrecht Dürers Aquarell „Das große Rasenstück“ von 1503: Gräser, Löwenzahn und Wegerich auf einem Stück Wiese, aus Bodennähe gesehen

Mir ist ein Essay untergekommen, in dem Wörter wie „Gehenwahr“ und „Fürwart“ stehen. Er heißt „Vom Überschreiben zum Freilegen“(Externer Link: Dialogische Ästhetik) und stammt von Michael Florian Schels. Beim ersten Lesen dachte ich, die Autokorrektur sei kaputt. Beim zweiten bin ich hängen geblieben.

Schels fängt bei Romulus an, der mit dem Pflug eine Furche um sein künftiges Rom zieht und den Bruder erschlägt, weil der drüberspringt. Später erzählt man sich lieber die Geschichte von der Wölfin. Das nennt der Essay Überschreiben: Über das, was wirklich da ist oder wirklich geschah, kommt eine Schicht aus Mythen, Begriffen und Zwecken.

Heute geht das ohne Pflug. Der Wald ist Baugrund, Rohstoffdepot oder Naherholungszone, je nachdem, wer gerade schaut. Vor lauter Etiketten sieht man die Kiefer nicht mehr. Das Gegenteil heißt bei Schels Freilegen: mal nichts draufpacken. Womöglich sogar etwas wegnehmen.

Ich habe mich ertappt gefühlt. An dieser Stelle habe ich schon Alice im Wunderland, Monty Python und zuletzt Blade Runner über den Reichswald gelegt. Ich sitze also im Glashaus. Ich werfe trotzdem, aber erst weiter unten.

Ein Büschel Unkraut

In Nürnberg hat das mit dem Freilegen schon einmal einer vorgemacht. 1503 malt Albrecht Dürer ein Stück Wiese. Löwenzahn, Wegerich, ein paar Gräser, unten sieht man die Erde. Kein Heiliger, kein Kaiser, keine Botschaft. Das große Rasenstück zeigt, was an jedem Wegrand steht, und zwar so genau, dass man die Pflanzen heute noch bestimmen kann.

Das Blatt hängt in Wien, was man in Nürnberg mit Fassung trägt.

Dürer hat der Wiese nichts hinzugefügt. Er hat sich offenbar ziemlich weit hinuntergebeugt und lange genug hingeschaut. Das ist das ganze Programm. Es ist gut fünfhundert Jahre alt und passt auf ein Blatt Papier.

Er hat nichts draufgepackt. Er hat nur nicht weggeschaut.

Drei alte Wörter

Der Essay beschreibt drei Haltungen, und die kann ich gebrauchen.

Die erste heißt Aufrichten. Raus aus der geduckten Haltung, den eigenen Stand spüren. Nach fast fünfzig Jahren vor Bildschirmen weiß ich, dass das zunächst eine Angelegenheit der Wirbelsäule ist. Gemeint ist aber mehr: dastehen, ohne sich kleiner zu machen und ohne jemand anderem den Platz wegzunehmen.

Die zweite heißt Zugeneigtsein. Sich einem Menschen oder einem Ort zuwenden, ohne gleich zu bewerten, zu erklären oder zu reparieren. Das fällt mir schwer. Ich komme aus einem Beruf, in dem man Fehler sucht und behebt. Eine Kiefer hat aber keinen Bug. Der Mensch, der neben mir geht, übrigens auch nicht.

Die dritte heißt Verweilen. An einem Ort bleiben, ohne dass etwas dabei herauskommen muss, nicht einmal ein Foto. Es ist die schönste der drei und die unbeliebteste. Wer zehn Minuten irgendwo herumsteht, ohne aufs Handy zu schauen, wartet entweder auf den Bus oder macht sich verdächtig.

Nicht jeder Moment braucht einen Zweck. Manche brauchen bloß Zeit.

Gehenwahr und Fürwart

Bleiben die zwei Kunstwörter. Gehenwahr meint, dass man einen Ort nicht im Sitzen begreift, sondern beim Gehen. Der Fuß ist bei Schels kein Transportmittel für den Kopf, sondern ein Tastorgan. Im Reichswald heißt das: Sand unter den Sohlen, Wurzeln, über die ich mit schöner Regelmäßigkeit stolpere, und der Harzgeruch, wenn die Sonne auf den Kiefern steht. Das Wort ist sperrig, die Sache nicht. Jeder, der schon einmal barfuß über einen Feldweg gegangen ist, kennt sie.

Fürwart ist das Gegenstück zu Vorwärts. Der Essay spricht von einem Gehen, das begleitet statt erobert. Eines, das zögern und anhalten kann und vor dem nächsten Schritt fragt, wem er nützt. Schels hört in dem Wort das Warten mitschwingen.

Da kann ich helfen. Auf Fränkisch gibt es dafür seit jeher eine Formulierung, und sie kommt ohne Wortneuschöpfung aus:

Edz ward hald amal...

Wo ich aussteige

Jetzt der Stein aus dem Glashaus. Der Essay bleibt nicht bei der Erfahrung. Im Epilog holt er Rupert Sheldrakes morphische Felder und die Physik der Verschränkung dazu: Zwei Menschen, die gemeinsam in einer Waldsenke verweilen, sollen ein „Gegenfeld“ aufbauen, das den Zustand des Gesamtsystems verändert.

Da steige ich aus. Verschränkung ist bei Teilchen im Labor gut belegt. Bei zwei Leuten in einer Waldsenke ist sie es nicht. Und für morphische Felder hat die Naturwissenschaft bis heute keinen Beleg gefunden.

Ich sage das als einer, der seit sechzehn Jahren schamanisch praktiziert und kein Problem mit Dingen hat, die sich schlecht messen lassen. Nur sollte man sie dann auch nicht in Messgrößen ausdrücken. Die Erfahrung ist stark genug. Sie braucht keine geliehene Physik.

Dazu kommt knapp ein Dutzend Philosophen, Biologinnen und Physiker, die als Zeugen aufgerufen werden. Der Essay warnt selbst davor, dem Überschreiben bloß die nächste Theorie entgegenzusetzen. Dann folgt ein Glossar in fünf Abteilungen. Wer nach einer Stunde im Wald merkt, dass die Schultern wieder unten sind, braucht dafür keine Fußnote.

Wer das Freilegen so lange erklärt, bis nichts mehr frei liegt, hat überschrieben.

Dieser Artikel ist da keine Ausnahme. Ich fasse mich deshalb kurz.

Schels legt am Ende offen, dass sein Text im Dialog mit einer KI entstanden ist, auf seiner eigenen Skala acht von zehn. Das rechne ich ihm hoch an.

Auch ich nutze als jemand, dessen Hauptberuf seit fast fünfzig Jahren IT und Softwareentwicklung ist, natürlich KI. Streng genommen bin ich sogar Experte für KI und Agentische Softwareentwicklung. KI ist zuallererst ein weiteres Werkzeug, um Gedanken zu sortieren, einzuordnen und zu strukturieren.

Früher verwendete man Schreibmaschinen, dann Flipcharts und Mindmaps, dann Textverarbeitungssoftware, dann Rechtschreibkorrektur, das Internet zur Recherche und viele andere hilfreiche Tools, heute übernimmt vieles davon die KI. Richtig angewandt ist es ein Segen, sie kann allerdings auch sehr leicht zum Fluch werden. Es liegt in unserer Hand. Aber das nur am Rande, schließlich geht es hier um Waldbegleitung und einen Ausgleich zu unserer sich immer schneller verändernden Welt.

Was ich dabei tue

Was macht dann ein Waldbegleiter? Die ehrliche Antwort: wenig. Ich kenne ein paar Wege. Ich achte auf die Zeit, damit es kein anderer tun muss. Und ich versuche, an den richtigen Stellen den Mund zu halten, was mir als Franke leichter fällt als als Autor.

Herbeiführen kann ich nichts. Der Wald ist kein Therapeut, und ich bin keiner, der die Antworten kennt. Manchmal passiert in zwei Stunden nichts, außer dass jemand nasse Füße kriegt.

Und wie schon öfter gesagt: Man braucht dafür niemanden. Dürer hatte auch keinen Rasenstückbegleiter. Er hatte allerdings etwas, das den meisten von uns abhandengekommen ist. Er durfte stundenlang auf Unkraut schauen und das Arbeit nennen.

Uns muss das heute manchmal jemand erlauben. Viel mehr ist meine Tätigkeit quasi nicht.

Stehen bleiben

Wer es ausprobieren will: beim nächsten Gang durch den Wald an einer Stelle stehen bleiben, an der es nichts zu sehen gibt. Ein Stück Wegrand, Moos, Nadeln, a weng Gras. Hinschauen, bis es langweilig wird. Dann noch eine Minute.

Mehr Methode habe ich bei der einfachen Waldbegleitung nicht. Vielleicht noch auf den eigenen Atem achten. Unter den Etiketten, den Plänen und den Fußnoten liegt der Wald. Er war die ganze Zeit da.

Edz ward hald amal...

Bildnachweis: Albrecht Dürer, Das große Rasenstück, 1503, Albertina, Wien. Mit KI „künstlerisch“ angepasst und erweitert.

Dieses Musikvideo passt zum Text: „now“ von John Pattern. Wie „Drunter liegt der Wald“ geht es um das Stille, das unter der Oberfläche liegt – hör selbst, was das Wort nicht sagt.

„now“ – John Pattern (Musikvideo)

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