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Bewusstsein · Aktivismus · Geschichte · · 5 Min. Lesezeit

Der Wald, den wir gesät haben

Zeidler, Kiefern, Bannwald: eine kurze Geschichte des Reichswalds und der menschlichen Neigung, alles so lange in Ordnung zu bringen, bis es kaputt ist.

Sonniger Waldweg im Nürnberger Reichswald mit dem Titel Der Wald, den wir gesät haben

Mein Schrebergarten ist ehrlich. Da stehen die Tomaten in Reihen, und kein Mensch hält das für Wildnis.

Der Reichswald ist raffinierter. Er sieht aus wie Natur: Kiefern, Sand, Moos, Heidelbeeren. Dabei nennen ihn Forsthistoriker die Wiege der Forstwirtschaft. Was hier steht, haben zu einem guten Teil Menschen gesät.

Die Nürnberger sagen Steckerleswald dazu, wegen der dünnen, kahlen Kiefernstämme, die dastehen wie Stecken. Das klingt liebevoll. Es war nicht immer so gemeint. Dazu gleich.

Ein Gericht für Bienen

Reichswald heißt: Wald des Reiches. Er gehörte dem König, später verwaltete ihn die Reichsstadt. Nördlich der Pegnitz liegt der Sebalder, südlich der Lorenzer Reichswald, benannt nach den zwei großen Kirchen. Ein Wald mit Zuständigkeiten also. Darin waren wir schon immer gut.

Sogar die Bienen hatten eine Rechtsform. Die Zeidler hielten ihre Völker nicht in Kästen, sie pflegten sie in den Bäumen des Waldes und ernteten Honig und Wachs. Karl IV. hat ihre Rechte und Pflichten 1350 in einem Privileg festgeschrieben. In Feucht saß bis 1796 ein eigenes Zeidelgericht. Der Wald hieß „des Heiligen Römischen Reiches Bienengarten“, und sein Honig steckte in den Nürnberger Lebkuchen.

Ein Gericht nur für Bienenangelegenheiten. Wer heute über Bürokratie schimpft, unterschätzt das Mittelalter.

Die schnelle Lösung von 1368

Nürnberg brauchte Holz. Zum Bauen, zum Heizen, für die Schmelzöfen. Im 14. Jahrhundert war der Wald vom Raubbau so mitgenommen, dass es eng wurde.

An Ostern 1368 fing der Ratsherr Peter Stromer an, Nadelbäume zu säen: Tannen, Fichten, vor allem Kiefern. Es ist die erste nachweisbare Nadelholzsaat. Stromer war Montanunternehmer, er brauchte das Holz also auch selbst. Und es hat funktioniert. Die Stadt hatte wieder Bauholz.

Ich arbeite seit fast fünfzig Jahren mit Computern und kenne diesen Moment. Eine schnelle Lösung, sie läuft, alle sind zufrieden, und keiner fragt, was sie in ein paar Jahrhunderten kostet. In meiner Branche heißt das technische Schuld. Stromer hat ein Problem gelöst und das nächste bestellt.

Die erste Rechnung kam in den 1890er-Jahren. Da fraß der Kiefernspanner große Teile der Monokultur kahl. Die zweite kommt gerade. Im Reichswald sterben Kiefern in größerem Maßstab ab. Trockenheit halten sie eigentlich aus, sagen die Staatsforsten, aber nicht zusammen mit der Hitze. Und die nimmt zu: Nach Angaben des Forstbetriebs liegen die Temperaturen schon heute dort, wo ein mildes Klimaszenario sie erst für das Jahr 2100 erwartet hatte.

Vorwerfen kann man Stromer das nicht. Er hat getan, was wir alle tun: das Naheliegende.

Die Kiefer war die schnelle Lösung. Sie ist es jetzt seit 650 Jahren.

Wie ein Spottname den Wald fast gekostet hätte

Anfang der Siebzigerjahre schien der Reichswald verloren. Für Straßen und Siedlungen wurde gerodet, und die Begründung lautete gern: Ist ja bloß ein Steckerleswald. Der hat nichts Besseres verdient.

Erst machen wir den Wald arm, dann halten wir ihm seine Armut vor. Das Muster kenne ich nicht nur vom Wald.

Die Nürnberger haben sich gewehrt. 1979 wurde der Reichswald als erster Wald in Bayern zum Bannwald erklärt. Das heißt: Der Wald hat Vorrang. Im Mittelalter legte der König seinen Bann auf den Wald, damit kein anderer hineinkam. Jetzt legen wir einen auf ihn, damit wir selbst draußen bleiben, jedenfalls mit dem Bagger.

Seitdem wird umgebaut. Bei den alten Bäumen liegt der Laubholzanteil laut Forstbetrieb bei rund zehn Prozent, in der jungen Generation darunter bei über fünfzig. Oben stehen noch die Stecken, unten wird es bunt.

Gepflanzt werden Eichen, Spitzahorn und Elsbeere, inzwischen auch Esskastanien und versuchsweise Zedern. Zedern im Steckerleswald, das hätte sich Stromer nicht träumen lassen. Ob das die nächste schnelle Lösung ist, wissen wir in zweihundert Jahren. Ein Wald lässt sich halt nicht so schnell umbauen wie eine Software, und die dauert auch immer länger als geplant.

Wir reparieren seit gut vierzig Jahren, was wir sechshundert Jahre lang optimiert haben.

Braucht mich der Wald?

Vorgestern habe ich hier geschrieben, der Wald will nix von mir. Dabei bleibe ich. Er wartet nicht auf mich und freut sich nicht, wenn ich komme. Wenn ich zwei Stunden auf einem Baumstumpf sitze und nichts leiste, ist ihm das gleich.

Nur sind Wollen und Brauchen zweierlei. Diesen Wald gäbe es nicht mehr, wenn ihn nicht Leute gesät, gepflegt und 1979 verteidigt hätten. Meine Aufmerksamkeit braucht er nicht. Meine Stimme, wenn die nächste Straße geplant wird, womöglich schon.

Das ist keine Theorie. Die Deutsche Bahn wollte im Reichswald ein ICE-Instandhaltungswerk bauen, 35 bis 45 Hektar groß. Im Gespräch waren unter anderem das Muna-Gelände bei Feucht, der Jägersee und Harrlach. Bürgerinitiativen und der Bund Naturschutz haben sich jahrelang dagegen gewehrt. Im April 2023 hat die Bahn die Pläne aufgegeben.

Ein ICE-Werk ist nichts Böses. Es gehört bloß nicht in einen Bannwald. Dass es dort nicht steht, hat der Wald nicht selbst erledigt.

Ich hänge an diesem Wald. Als Kind war ich oft hier, mit den Großeltern und mit den Eltern, zum Pilzesammeln. Damals habe ich auf den Boden geschaut. Heute schaue ich öfter nach oben in die Kronen, und was ich dort sehe, gefällt mir nicht immer.

Und ehrlich bleiben muss ich auch bei mir selbst. Der Reichswald war Holzlager, Bienengarten und Munitionslager. Jetzt ist er Erholungsraum, und ich begleite Menschen hinein. Ich bin die jüngste Nutzung in einer langen Reihe. Immerhin die leiseste.

Bitte nicht weiter optimieren

Was ich aus dieser Geschichte mitnehme, ist kein „Zurück zur Natur“. Dieser Wald war nie die unberührte Natur, zu der man zurückkönnte. Ich nehme ein Misstrauen mit, und zwar gegen die schnelle Lösung. Auch gegen meine eigenen.

Mancher Kalender sieht aus wie ein Kiefernforst. Alles in Reihe, alles schnellwachsend, alles auf Ertrag. Das geht lange gut. Dann kommt ein heißer Sommer.

Mischwald ist das Gegenteil. Er wächst langsamer, sieht unordentlicher aus, und manches darin bringt gar nichts ein. Dafür steht er noch, wenn es eng wird. Zwei Stunden nichts leisten ist so gesehen ein Laubbaum im Kalender.

A weng Durcheinander hat noch keinem Wald geschadet.

Das Reichswaldfest

Wer sehen will, wie man einem Wald eine Stimme gibt: Seit 1973 lädt der Bund Naturschutz jeden Sommer zum Reichswaldfest auf den Schmausenbuck. Das Rezept war von Anfang an fränkisch schlicht. Musik, Bier, was Gescheites zu essen und ein paar Reden. Zum ersten Fest kamen rund 500 Leute, heute sind es Tausende.

Dazwischen liegen ein Panzerübungsplatz bei Feucht, ein Autobahnkreuz am Tiergarten und das ICE-Werk. Alle drei gibt es nicht.

Heute gehören Führungen, Baumklettern und ein Programm für Kinder dazu. Das nächste Reichswaldfest ist am 10. und 11. Juli 2027. Sebalder, Lorenzer und Südlicher Reichswald kommen zusammen auf etwa 36.000 Hektar. Platz ist also.

Mehr dazu beim Bund Naturschutz: Reichswaldfest(Externer Link).

Barac – Try to be a rainbow in someone else's cloud

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