Bewusstsein · Naturverbundenheit · · 5 Min. Lesezeit
Rübezahl hat schlechte Laune
Über einen Essay, der die Gegenwart umtauft, über drei Sagengestalten ohne Schatten und die Frage, ob sich der Wald freut, wenn ich komme.

Ich habe einen Essay gelesen, in dem die Gegenwart einen neuen Namen bekommt. Sie heißt dort „Fürwart“. Gemeint ist der Augenblick als weiter Raum, in dem das Kommende schon steckt wie ein Samen im Boden. Geschrieben hat ihn Michael Schels, im Gespräch mit einer KI. Das sagt er am Ende offen dazu, und das rechne ich ihm an.
Vieles darin unterschreibe ich sofort. Dass ein Baum mehr ist als Kulisse. Dass Aufmerksamkeit eine Form von Teilnahme ist. Und einen Satz hätte ich gern selbst geschrieben: Man könne der Welt Gesellschaft leisten.
Trotzdem bin ich beim Lesen unruhig geworden. Es hat eine Weile gedauert, bis ich wusste, warum. In diesem Text geht nichts schief.
Ein Wort, das schon alles kann
Der Autor liest in „Fürwart“ ein fürsorgliches Warten mit. Das ist hübsch, nur hat die Gegenwart mit Warten nichts zu tun. Ihr „-wart“ ist verwandt mit „-wärts“ wie in heimwärts: zugewandt. Im Althochdeutschen hieß das Wort so viel wie „vor Augen liegend“, als Hauptwort sogar „Antlitz“ und „Gesicht“.
Gegenwart ist also wörtlich das, was mir ins Gesicht schaut. Das alte Wort kann schon, wofür das neue erfunden wurde.
Und die Idee, dass im Augenblick alles mit allem verwoben ist und nichts für sich allein entsteht, heißt im Buddhismus bedingtes Entstehen. Sie ist rund zweieinhalbtausend Jahre alt. Ich sitze seit vierzig Jahren daran und bin noch nicht fertig.
Ich habe nichts gegen neue Wörter. Ich habe nur den Verdacht, dass ein neues Wort manchmal die Arbeit erspart, die das alte verlangt.
Der Gegenwart ist es wurscht, wie ich sie nenne.
Drei Gestalten ohne Schatten
Im Anhang treten drei Begleiter auf: Rübezahl, Kassandra und Ikarus. Rübezahl lehrt dort das Verweilen, Kassandra das Spüren, Ikarus den Mut. Ich kenne die drei anders.
Der Herr vom Riesengebirge ist in den alten Sagen kein Achtsamkeitslehrer. Er schickt Wanderern Gewitter und führt sie in die Irre. Wer ihn Rübezahl nennt, hat schon verloren: Das ist sein Spottname, weil er angeblich einmal Rüben gezählt hat, und daran mag er nicht erinnert werden. Auf der ältesten Karte, die ihn zeigt, von 1561, hat er Geweih, Huf und Schwanz.
Kassandra sieht den Untergang Trojas kommen, und kein Mensch glaubt ihr. Das ist ihr Fluch: recht haben und nicht gehört werden. Im Essay hört sie „das Herannahende im Wind“. In der Sage sind das die Griechen.
Ikarus fliegt trotz der Warnung seines Vaters zu hoch, das Wachs schmilzt, er stürzt ins Meer. Im Essay steht er für den Mut zum Aufbruch, ausdrücklich auch für die Begegnung mit künstlicher Intelligenz. Vom Absturz steht da kein Wort. Ikarus ohne Absturz ist ein Reiseprospekt.
Die drei sind so alt geworden, weil in ihren Geschichten etwas schiefgeht. Nimmt man das weg, bleiben drei freundliche Coaches.
Ich würde das dem Rübezahl nicht ins Gesicht sagen. Schon gar nicht unter diesem Namen.
Freut sich der Wald, wenn ich komme?
Der stärkste Satz des Essays lautet: „Die Welt spürt uns, wie wir sie spüren.“ Manchmal komme es ihm vor, schreibt der Autor, als würde die Landschaft aufatmen, wenn jemand bei ihr verweilt. Er schreibt fairerweise „als würde“ und räumt im Anhang selbst ein, dass die Wissenschaft dafür keinen Beleg liefert.
Meine Erfahrung ist eine andere. Der Wald reagiert nicht auf mich. Im Reichswald begrüßt mich höchstens ein Eichelhäher, und der schimpft, weil ich im Weg stehe.
In meinem Schrebergarten fressen mir die Schnecken den ganzen Salat weg. Böse meinen sie das nicht. Solche Kategorien kennt nur der Mensch. Ich denke mir dann: Lasst's euch schmecken, ihr Schnecken, ess ich halt was anderes. Und freue mich an ihrem Anblick. Oder ich bitte eine Tigerschnecke um Beistand, die frisst nämlich die anderen.
Aus der schamanischen Praxis habe ich mitgenommen, dass ein Baum, eine Krähe, ein Bach kein Hintergrund sind. Sie sind ein Gegenüber. Dabei bleibe ich. Ein Gegenüber ist aber gerade deshalb eins, weil es nicht für mich da ist. Ein Wald, der aufatmet, sobald ich endlich aufmerksam bin, wäre wieder nur ein Spiegel. Dann wäre ich wieder Kunde, bloß mit feinerem Service.
Mich entlastet, dass der Wald mich nicht braucht. Im Alltag will ständig jemand meine Aufmerksamkeit haben. Draußen will sie keiner. Ich darf sie verschenken, und es bedankt sich niemand.
Der Wald will nix von mir. Nicht einmal meine Aufmerksamkeit.
Ein Resonanzraum, der nie widerspricht
Die Begriffe des Essays sind im Gespräch mit einer KI entstanden. Sie seien dort „freigelegt“ worden, die Maschine sei ein Resonanzraum gewesen.
Ich arbeite seit fast fünfzig Jahren mit Computern und mag sie.
Auch an diesem Text hat eine Maschine mitgearbeitet. Sie hat mir widersprochen, weil ich es ihr aufgetragen habe. Das ist der Haken. Sie widerspricht auf Bestellung.
Wer einer Sprachmaschine ein Wort hinwirft, bekommt es schöner zurück. Das fühlt sich an wie Resonanz. Der Soziologe Hartmut Rosa, der den Begriff groß gemacht hat, besteht aber auf einem Unterschied: Resonanz braucht ein Gegenüber mit eigener Stimme, das auch widersprechen kann. Alles andere ist Echo.
Das trifft die Maschine und die drei Sagengestalten gleichermaßen. Die Maschine ist auf Zustimmung gebaut. Rübezahl, Kassandra und Ikarus hat man sie beigebracht. Ich habe das an anderer Stelle so gesagt: Ein Freund, den man nicht enttäuschen kann, ist kein Freund. Das ist ein sehr guter Service.
Ein Gegenüber erkenne ich daran, dass es mir die Laune verderben kann.
Verweilen zum Abhaken
Am Ende des Essays hängt ein Leitfaden, den eine zweite KI aus dem Text erzeugt hat. Mit Übungen Schritt für Schritt und einer täglichen Checkliste: Habe ich mich heute aufgerichtet? Habe ich mich zugeneigt? Habe ich verweilt?
Weiter oben stellt der Essay fest, dass die Moderne die Zeit in Termine und Fristen sortiert hat. Ein paar Seiten später ist das Verweilen selbst ein Punkt auf der Liste. So nimmt man das Hamsterrad mit in den Wald. Es läuft dort weiter, nur mit besserer Luft.
Ich sage das ohne Häme. Ich biete Waldzeiten an, mit Uhrzeit und Treffpunkt. Klingt widersprüchlich. Ist es auch.
Was ich mitnehme
Den Satz vom Gesellschaftleisten. Der ist gut, und er bleibt gut, wenn man ihn zu Ende denkt. Wer jemandem Gesellschaft leistet, erwartet nichts zurück. Er sitzt halt dabei.
Das nächste Mal im Reichswald leiste ich der Welt also Gesellschaft und rechne damit, dass sie es nicht merkt. Und wenn es zu regnen anfängt, weiß ich, an wen ich mich wende. Der wohnt zwar im Riesengebirge, aber ich sage vorsichtshalber „Herr der Berge“ zu ihm.
Der Welt Gesellschaft leisten. Auch wenn sie keine bestellt hat.
Michael Schels: „Die Fürwart“(Externer Link: Dialogische Ästhetik)
Die Musik von GAS transportiert Gefühle von Natur, Halluzination, Einsamkeit und einem dichten, rauschhaften Wald-Ambiente statt einer erzählerischen Botschaft: Du betrittst den Wald. Alles wird langsam fremd.
GAS – POP 2000

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Playlist: „RÜBEZAHL – Der Berg vergisst nichts.“
🌲 Wald → 🌫️ Nebel → 🏔️ Berg → 👁️ Begegnung mit dem Berggeist → 🔥 Transformation → 🌌 Rückkehr
- GAS – Pop 4 – Du betrittst den Wald. Alles wird langsam fremd.
- Recondite – Levo – Der Weg steigt an, Nebel, Orientierung verschiebt sich.
- Basic Channel – Quadrant Dub I – Zeit verliert Bedeutung. Sehr guter „Berggeist“-Moment.
- Transient Disorder & Mono Sapiens – Mountain Spirit (Misaya & Ajana Remix) – Der eigentliche Rübezahl-Moment.
- Daniel Avery – Drone Logic – Öffnung nach oben, kosmischer Charakter.
- Barker – Paradise Engineering – Transformation / Erkenntnis.
- Yagya – The Salt On Her Cheeks – Rückkehr aus der Vision.
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