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Bewusstsein · Naturverbundenheit · · 4 Min. Lesezeit

Ohne Ufer kein Fluss

Heraklit, die Pegnitz und eine Erle: warum Wandel allein noch keine Lebenskunst ist und wieso ausgerechnet ein Wald Halt gibt, obwohl er selbst nicht stillhält.

Kleiner Bach im Wald, am Ufer stehen Erlen mit freigespülten Wurzeln

„Panta rhei“ (altgriechisch: πάντα ῥεῖ) – „Alles fließt“. Der Satz steht auf Kalendern, in Coaching-Broschüren und vermutlich auf mindestens einem Duschvorhang. Er soll von Heraklit sein. So gesagt hat er ihn wahrscheinlich nie.

Überliefert ist etwas Genaueres: Wer in dieselben Flüsse steigt, dem strömt immer anderes Wasser zu. Dieselben Flüsse, anderes Wasser. Der Mann wusste also schon vor zweieinhalbtausend Jahren, dass beim Fließen etwas bleibt.

Heute wird daraus meistens eine Aufforderung. Wandel ist gut, sei flexibel, bleib anpassungsfähig, such dir das richtige Stellschräubchen. Mir geht das zu flott.

Was auf dem Kalender fehlt

Der Philosoph Wilhelm Schmid hat auf etwas hingewiesen, das im Kalenderspruch fehlt. Ein Fluss ist nur deshalb ein Fluss, weil am Rand etwas ist, das nicht fließt. Ein Ufer.

Wasser ohne Ufer ist kein Fluss. Es ist eine Überschwemmung. In Nürnberg muss man das niemandem erklären. Im Februar 1909 stand die Pegnitz auf dem Hauptmarkt.

Die Pegnitz lehrt aber noch etwas Zweites. Wasserräder und feste Wehre hatten ihr über Jahrhunderte den Platz genommen. Ein Ufer kann auch zu eng sein. Dann kommt das Wasser erst recht.

Schmid meint, heute fingen die Ufer selbst zu fließen an. Früher habe es bei allem Wandel einen Rahmen gegeben: eine Herrschaft, einen festen Glauben, gesichertes Wissen. Ich vermisse nicht jedes dieser Ufer. Manche waren Mauern. Aber dass gar nichts mehr feststeht, hält auch keiner lange aus.

Heraklit hätte es übrigens wissen können. Er lebte in Ephesos, einer Hafenstadt. Der Fluss hat den Hafen über die Jahrhunderte zugeschwemmt. Die Ruinen liegen heute ein paar Kilometer vom Meer entfernt.

Auch das Ufer fließt. Es lässt sich nur mehr Zeit.

Zu schnell für wen?

Ich arbeite seit fast fünfzig Jahren mit Computern. Auf meinem C64 habe ich stundenlang Listings abgetippt, um danach spielen zu können. Wer von der Datasette lud, wartete bei großen Programmen bis zu vierzig Minuten.

Heute ginge dasselbe unterwegs, per Sprachbefehl ans Smartphone. Das Ding ist grob eine Million Mal schneller als mein C64 und hängt am halben Wissen der Welt. Schneller geworden ist seitdem alles. Nur ich nicht.

Mein Körper ist im Wesentlichen dasselbe Modell wie vor ein paar tausend Jahren. Er braucht seinen Schlaf, und er braucht drei Tage, bis er im Urlaub ankommt. Ein klarer Gedanke dauert heute so lange wie zu Heraklits Zeiten. Es kommen nur hundertmal so viele Unterbrechungen dazwischen.

Dass uns die Maschinen eines Tages vernichten, glaube ich nicht. Ich halte etwas anderes für wahrscheinlicher und für gefährlich genug: dass wir die wichtigen Entscheidungen im Takt von Eilmeldungen treffen. Wie wir mit dem Klima umgehen, mit den Wäldern, mit den Maschinen selbst. Lauter Fragen, für die man einen ruhigen Kopf bräuchte, in einer Zeit, die keinen übrig lässt.

Verteufeln will ich die Technik deshalb nicht. Sie ist ein Werkzeug, und ein gutes. Die Frage ist bloß, wer das Tempo vorgibt.

An den meisten Bächen hierzulande steht die Erle. Sie hat die Füße im Wasser, und ihre Wurzeln halten das Ufer zusammen. Das Ufer ist also nichts Totes. Es ist etwas Lebendiges, das langsam wächst und dabei festhält.

Stabil ist die Erle, starr ist sie nicht. Im Sturm biegt sie sich. Ein Baum, der das nicht kann, bricht. Heute heißt das Resilienz, und es gibt Seminare dafür. Die Erle macht es ohne Wort: unten festhalten, oben nachgeben.

Das ist das Erste, was ich vom Wald lerne. Das Zweite ist sein Tempo. Auch der Wald fließt. Er wächst, stirbt, verändert sich, und bei uns im Reichswald gerade schneller, als ihm guttut. Aber er tut es in einer Geschwindigkeit, bei der ich mitkomme.

Deshalb gehe ich hinein, wenn mir alles zu schnell wird. Geheilt wird dort nichts. Der Kopf kommt nur wieder hinterher. Für zwei Stunden habe ich ein Ufer.

Stabil heißt nicht starr. Das weiß jede Erle.

Warum jetzt

Ich mache mir nichts vor. Zwei Stunden im Wald retten kein Klima. Und den Planeten müssen wir sowieso nicht retten, der kommt ohne uns zurecht. Es geht um uns. Wir sind ein Teil von dem, was da gerade ins Rutschen kommt.

Ein klarer Kopf löst kein einziges dieser Probleme. Er ist nur die Voraussetzung dafür, dass man sie überhaupt vernünftig anpackt. Ich jedenfalls habe gehetzt noch nie eine gute Entscheidung getroffen. Und ein Ufer pflanzt man, bevor das Hochwasser kommt.

Dass das geht, sehe ich vor der Haustür. Unter den alten Kiefern im Reichswald wächst inzwischen auf mehr als der Hälfte der Fläche junger Mischwald. Den haben Leute gepflanzt, innerhalb von vierzig Jahren. Menschen können umsteuern, wenn sie wollen.

Darin steckt für mich die eigentliche Hoffnung im alten Satz. Wenn alles fließt, dann bleibt auch das Schlechte nicht, wie es ist.

Alles fließt. Das heißt auch: Es kann noch besser werden.

Mehr über den geschützten Naturwald: Naturwald „Feuchtwälder im Nürnberger Reichswald“(Externer Link: Naturwald Bayern)

Ich habe das Album Alpe Lusia von Stimming und speziell den ersten Track Prepare gewählt, weil er fast alles, was in dieser Waldgeschichte angesprochen wird, transportiert. Das Album „Alpe Lusia“ entstand nach einem längeren Rückzug in eine abgelegene Berghütte in den italienischen Alpen. Ziel war es, durch das Ausschalten moderner Ablenkungen und der Reizüberflutung der digitalen Gesellschaft eine „künstliche Unterstimulation“ zu erzeugen. Dies erlaubte es dem Künstler, sich wieder intensiv mit seinem Studio-Equipment zu verbinden und rohe Natur- und Umgebungsaufnahmen wie etwa Kuhglocken einfließen zu lassen.

Stimming – Prepare – Alpe Lusia

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