Sylviotherapie · Forschung · Bewusstsein · Heilwerden in der Natur · · 5 Min. Lesezeit
Schnaufen kann jeder
Über Breathwork, Terpene und die Frage, warum man für das Älteste, was wir können, neuerdings eine Anleitung braucht.

Rund zwanzigtausendmal am Tag atme ich ein und wieder aus. Ohne App, ohne Kurs, ohne Zertifikat. In meiner Branche würde man sagen: ein Hintergrundprozess, der seit sechzig Jahren ohne Update läuft.
Solange er läuft, interessiert er keinen. Dann geht man in den Wald, und auf einmal ist aus dem Schnaufen eine Methode geworden. Breathwork heißt das. Es soll das Nervensystem beruhigen, das Cortisol senken, das Immunsystem stärken und emotionale Blockaden lösen. Am besten mit ein paar Terpenen dazu.
Ich habe nachgelesen, was davon stimmt. Es ist weniger, als versprochen wird. Dafür ist es interessanter.
Was man weiß
Langsames Atmen ist gut untersucht. Ein Team um den Kölner Sportwissenschaftler Sylvain Laborde hat 2022 die Ergebnisse von 223 Studien zusammengerechnet. Wer bewusst langsam atmet, bei dem steigt ein Messwert am Herzschlag, der anzeigt, dass der beruhigende Teil des Nervensystems mitarbeitet. Das gilt während der Übung, direkt danach und auch nach mehreren Wochen Üben.
Wie viel davon an der Technik liegt, hat eine britische Studie 2023 geprüft. 400 Leute atmeten vier Wochen lang jeden Tag zehn Minuten. Die einen langsam nach Anleitung, die anderen in normalem Tempo, als Placebo. Beiden Gruppen ging es danach besser, und zwar gleich viel besser.
Es half offenbar schon, sich täglich zehn Minuten hinzusetzen und zu atmen. Egal wie.
Für den Wald gibt es eine Auswertung von 2019. In fast allen einbezogenen Studien war das Stresshormon Cortisol nach einem Waldaufenthalt niedriger als in der Vergleichsgruppe. Kurzfristig, betonen die Autoren.
Das schönste Detail steht im Kleingedruckten. Bei den Waldgruppen war das Cortisol schon niedriger, bevor sie überhaupt losgegangen waren. Die Forscher vermuten einen vorweggenommenen Placebo-Effekt.
Die Vorfreude auf den Wald wirkt, bevor man drin ist.
Man müsste also nur oft genug vorhaben, in den Wald zu gehen.
Was man nicht weiß
„Nachhaltig“ steht in keiner dieser Arbeiten. Gemessen wurde kurz danach, und die Autoren der Wald-Auswertung wünschen sich selbst mehr Daten.
„Stärkt das Immunsystem“ ist auch zu groß. Es gibt Studien, in denen sich nach Waldaufenthalten bestimmte Immunzellen verändert haben. Wie viel das im Alltag ausmacht und wie lange es hält, ist offen.
Dann die Terpene. Dass der Steckerleswald nach Harz riecht, sind Terpene. Die Behauptung, sie stärkten die Abwehr, geht vor allem auf japanische Versuche zurück. In einem davon schliefen zwölf Männer drei Nächte in einem Stadthotel, in dem Zypressenöl verdampft wurde. Danach waren bestimmte Abwehrzellen aktiver als vorher. Zwölf Männer, ein Hotel, ein Vorher-nachher-Vergleich: Das ist ein Anfang und kein Beweis. Gut riechen tut der Wald trotzdem.
Für die emotionalen Blockaden habe ich keine Studie gefunden. Auch keine Erklärung, was eine Blockade ist.
Und die grüne Lunge? Der Baum atmet auch. Nachts verbraucht er Sauerstoff wie ich. Das Bild vom Geben und Nehmen zwischen Mensch und Baum lasse ich als Bild gelten. Als Biologie hinkt es.
Hinweise sind keine Versprechen.
Bauch oder Brust
Oft heißt es, es gebe zwei Sorten zu atmen. Die flache in die Brust, die Stress macht, und die tiefe in den Bauch, die ihn wegnimmt. Daran ist etwas dran. Wer gehetzt ist, atmet kurz und weit oben. Wer zur Ruhe kommt, atmet langsamer, und der Bauch geht mit. Das kann jeder an sich beobachten.
Nur die Begründung stimmt meistens nicht. Mehr Sauerstoff bekommt man durch tiefes Atmen kaum, das Blut ist bei gesunden Menschen ohnehin fast voll damit. Was sich ändert, ist das Tempo. Und ob die flache Atmung den Stress macht oder der Stress die flache Atmung, ist nicht so eindeutig, wie es die Ratgeber gern hätten.
Von richtigem und falschem Atmen würde ich deshalb nicht reden. Der Körper atmet flach, wenn er meint, es sei Gefahr. Das ist kein Fehler, das ist seine Arbeit. Man kann ihm nur zeigen, dass gerade keine ist. Zum Beispiel, indem man in den Wald geht und eine Weile langsamer macht.
Seit vierzig Jahren bis zehn
Ich mache das seit vierzig Jahren und komme an manchen Tagen nicht bis vier, ohne dass mir die Steuererklärung einfällt.
Der Atem hat eine Eigenheit, die sonst kaum etwas im Körper hat. Er läuft von selbst, und ich kann trotzdem eingreifen. Das Herz lässt sich nichts sagen, die Hand tut nichts von allein.
Der Atem ist die Stelle, an der Machen und Lassen sich treffen.
Genau deshalb stört mich an manchem Breathwork-Versprechen weniger die Wissenschaft als der Ton. Richtig atmen. Besser atmen. Das Zwerchfell aktivieren. Aus dem Lassen wird wieder ein Machen, und aus dem Schnaufen eine Leistung.
Man kann heute sogar beim Atmen etwas falsch machen. Das muss man erst einmal schaffen.
Was der Wald dazutut
Vermutlich sind es gar nicht zuerst die Terpene. Im Wald ist einfach weniger los. Kein Bildschirm, keine Nachricht, keiner, der gerade etwas braucht. Im Alltag geht der Atem unter. Den Schmausenbuck hinauf hört man ihn wieder.
Wenn ich Menschen in den Wald begleite, lasse ich deshalb erst einmal niemanden etwas üben. Wir bleiben stehen und merken, dass wir schnaufen. Wer danach mehr will, atmet eine Weile langsam, ungefähr sechs Atemzüge in der Minute. Das ist das Tempo, das in vielen Studien untersucht wurde. Ob es genau dieses sein muss, ist nach der Placebo-Studie offen. Wem dabei schwindlig wird, der hört auf. Dann meldet sich der Hintergrundprozess, und er hat recht.
Was ich nicht verspreche: dass davon irgendetwas heilt. Was ich oft erlebe: dass jemand nach ein paar Minuten zum ersten Mal an diesem Tag merkt, dass er einen Körper dabeihat.
Schnaufen kann jeder. Merken, dass man schnauft, ist die Übung.
Zum Schluss ein Lied, das dasselbe in ein paar Minuten sagt. „Breathe“ von Télépopmusik, gesungen von Angela McCluskey mit einer Stimme, die klingt, als hätte sie schon einiges hinter sich. Es ist ein ruhiges Stück über emotionale Erschöpfung und innere Kämpfe. Eine Lösung bietet es nicht an. Der Refrain rät zu nichts weiter als zum Atmen. Und es erinnert daran, dass morgen wieder ein Tag ist. Ich höre das als Chance: Man darf es immer wieder probieren. Beim Zählen ist es genauso. Wer bei vier rausfliegt, fängt wieder bei eins an.
Télépopmusik – Breathe

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Und wer es größer mag: „Inhale, Exhale, Remember To Breath“ von Barac. Elektronische Musik, die sich Zeit lässt. Das Label erzählt dazu die Geschichte eines Mondfahrzeugs, das verlassen über den toten Mond rollt, angetrieben von einem Zweck, den es selbst nicht kennt.
Der Text vergleicht uns mit diesem Fahrzeug. Auch wir ziehen durchs Leben und wissen oft nicht genau, wohin. Der Unterschied ist der Atem. Er ist das Licht im Dunkeln: ein stilles Gebet, das beweist, dass wir lebendig sind und wach. Wer seinen Atem hören kann, heißt es dort sinngemäß, der lebt.
Das ist viel Weltall für einmal Luftholen. Mir gefällt es trotzdem. Eine Maschine, die weiter gekommen ist als ich, kann eines nicht: merken, dass sie da ist.
Barac – Inhale, Exhale, Remember To Breath

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Quellen
Laborde, S. et al. (2022): Effects of voluntary slow breathing on heart rate and heart rate variability. Neuroscience and Biobehavioral Reviews 138, 104711. DOI 10.1016/j.neubiorev.2022.104711
Fincham, G. W., Strauss, C., Cavanagh, K. (2023): Effect of coherent breathing on mental health and wellbeing: a randomised placebo-controlled trial. Scientific Reports 13. DOI 10.1038/s41598-023-49279-8
Li, Q. et al. (2009): Effect of phytoncide from trees on human natural killer cell function. International Journal of Immunopathology and Pharmacology 22(4), 951–959.
Antonelli, M., Barbieri, G., Donelli, D. (2019): Effects of forest bathing (shinrin-yoku) on levels of cortisol as a stress biomarker. International Journal of Biometeorology 63(8), 1117–1134. DOI 10.1007/s00484-019-01717-x
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